10.3.12

ZEIT


„Stau auf der A7 Richtung Süden; Sie müssen mit Zeitverlusten rechnen“/„Ich habe leider keine Zeit“/„Du Arsch hast mir die Zeit gestohlen“/„Das kostet mich zu viel Zeit“/„Die Zeit läuft mir davon“. Das ist natürlich alles Unsinn.

- man kann Zeit nicht verlieren oder gewinnen
- man kann nicht keine Zeit haben
- man kann Zeit nicht stehlen
- Zeit kostet nichts
- Zeit kann einem nicht davonlaufen

Mit den obigen Floskeln ist alles Mögliche gemeint, aber mit Sicherheit nicht die „Zeit“, sondern dass ganz allgemein Pläne nicht realisierbar und Bedürfnisse nicht erfüllbar sind. Ununterbrochen (weil die Zeit keine Pause machen kann) tue ich irgendwas (auch „Nichtstun“ ist eine Tätigkeit) und danach das Nächste und dann wieder das Nächste…usw. Es ist ein Naturgesetz, dass man niemals mehrere Tätigkeiten zur selben Zeit machen kann – das gilt sogar für Frauen. Man setzt also zwangs-läufig Prioritäten, was das Ob oder das Wann betrifft. „Ich habe (leider) keine Zeit“ ist also immer eine Ausrede, weil man sich vielleicht nicht traut, die gesetzten Prioritäten als gewollt zuzugeben. Das eingefügte „leider“ ist natürlich gelogen; es soll dem Ärger/der Enttäuschung des Mitmenschen entgegenwirken und vorgeben, dass man ja eigentlich will aber nur nicht kann. Man übernimmt nicht die Verantwortung für eine Entscheidung, sondern schiebt sie den Umständen/Zwängen in die Schuhe. Die dahinterstehende Botschaft lautet: Du kannst mir nicht böse sein, weil ich nichts dafür kann.

Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, dass es physische Zwangssituationen gibt, in denen man objektiv nicht oder nur eingeschränkt über die Nutzung von Zeit (tun was man will) entscheiden kann; z.B. bei Krankheit oder Gefängnisaufenthalten.

Diese Tatsache wurde schon im Kapitel „Yoga“ angedeutet.

Die Phantasie/der Irrglaube, dass („keine“) Zeit viele Probleme verursacht, liegt auch daran, dass der Alltag der meisten Menschen mit Aufgaben und Pflichten vollkommen durchstrukturiert ist. Die Sehnsucht nach „Freizeit“ wird dann übermächtig; der Urlaub soll sie erfüllen. Aber anstatt dann die Zeit fließen zu lassen (was sie sowieso tut) und sich treiben zu lassen, wird wieder geplant und strukturiert – dem ungeschriebenen Gesetz folgend, dass Zeit sinnvoll genutzt werden muss. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig „Äktschen“. Wenn ich stundenlang auf der Couch liege und mich dabei wohlfühle, habe ich die Zeit sehr sinnvoll verbracht.  

Ich wünsche Ihnen und Ihren Kindern viel gute Zeit miteinander.

(Der nächste Satz als Einleitung zu einem anderen Aspekt soll als kleiner Trick verstanden werden, um meine Gedanken irgendwie für das Kapitel „Zeit“ passend zu machen)

Im Laufe der Zeit passierten, passieren und werden passieren unendlich viele Ereignisse. Wenn ihre Ursachen nicht offensichtlich oder nachweisbar sind, werden zur Erklärung gemeinhin zwei verschiedene Modelle herangezogen: Vorsehung oder Zufall.  Zur Vorsehung möchte ich nur zwei Sätze sagen: Vergangene Ereignisse als „das war Vorsehung“ zu deklarieren, ist als Ursa-chenerklärung albern und unbrauchbar. Zukünftige Ereignisse kennen nur Betrüger/innen der einschlägigen Genres. Meine Überzeugung: Es gibt keine Vorsehung.

Es gibt auch keine Zufälle. In welchem Feld bleibt die Kugel im Roulettekessel liegen? Wenn die Kugel in Bewegung gesetzt wird, beginnt eine sehr lange Ursache-Wirkungs-Abfolge, die von vielen Bedingungen abhängt: z.B. Geschwindigkeit, Gewicht, Reibungswiderstand, mechanische Ablenkungen usw. Diese dadurch beeinflussten Abläufe sind so extrem komplex, dass sie weder zu berechnen noch vorhersagbar sind (leider!). Aus diesem Grund wird das Ergebnis als Zufall bezeichnet, obwohl es durch Ursachen und Wirkungen vollkommen determiniert ist. Bei einer sehr einfachen und deshalb durchschaubaren Ursache-Wirkungs-Kette wird ja auch kein „Zufall“ angenommen. Die Beschränktheit menschlicher Erkenntnis- und Wahrnehmungsfähigkeit ist also als Begründung für die Existenz von Zufällen nicht geeignet.

Man hält sich in einem anderen Teil der Welt auf und begegnet auf der Straße einem Freund, den man zehn Jahre nicht gesehen hat. Sie kennen alle den erstaunten Satz bei der Begrüßung: „Was für ein Zufall!“ Natürlich ist es keiner, sondern das Ergebnis unendlich vieler Ereignisse, die gleichzeitig Ursache und Wirkung sind und unendlich weit zurückreichen – wenn man es auf die Spitze treibt: bis zum Urknall. Oder um es willkürlich nachvollziehbarer zu machen: Wenn dem Freund nicht vor acht Wochen beim Zahnarzt eine Zeitschrift in die Hände gefallen wäre, durch die er die Idee bekam, den jetzigen Ort aufzusuchen, und wenn er seinen Urlaub nicht wegen eines kleinen Unfalls hätte verschieben müssen, wäre der „Zufall“ der Begegnung nicht eingetreten. Zum obigen Roulettebeispiel gibt es einen weiteren Unterschied: Die Begegnung mit einem Freund hat eine besondere Bedeutung im Gegensatz zu den anderen ebenfalls stattgefundenen tausenden von Begegnungen, die aber nicht als „was für ein Zufall“ zur Kenntnis genommen und bewertet werden, obwohl sie ebenfalls als Ergebnis unendlicher Ereignisabläufe „einmalig“ sind. Der einzige Unterschied: sie spielen keine Rolle für uns, und deswegen haben wir auch nicht das Bedürfnis nach einer Erklärung und staunen nicht über „so einen Zufall“.

Manchmal erscheinen den Menschen bestimmte Ereignisse als so überraschend und unwahrscheinlich, dass sie denken: „Das kann kein Zufall gewesen sein.“ War es auch nicht, weil es ihn nicht gibt – aber Vorsehung natürlich auch nicht.    

Wenn ich daran denke, wie viel in Literatur und Gesprächszirkeln über die Frage „Zufall oder Vorsehung“ geschrieben und diskutiert wurde und wird, bedaure ich die verschwendete Energie – so viel Aufwand für (im wahrsten Sinne des Wortes) nichts.

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