10.3.12

SPASS


Haben Sie bisher beim Lesen ein bisschen Spaß gehabt? Wenn ja, dann haben Sie das in unserer (Spaß-)Gesellschaft erstrebenswerteste Gefühl erlebt. Bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten wird uns von unseren Mitmenschen „viel Spaß!“ gewünscht. Den Gipfel dieses Wunsches – oder der Aufforderung? – habe ich kürzlich erlebt: Zusammen mit meiner Frau habe ich meinen Schwiegervater vom Pflegeheim abgeholt anlässlich der Trauerfeier für meine verstorbene Schwiegermutter. Die Pflegerin hatte noch etwas Hilfestellung geleistet. Als sie fertig war, verabschiedete sie sich mit „viel Spaß!“ Als meine Frau erwiderte: „Das wohl gerade nicht“, bemerkte sie peinlich berührt ihren Fauxpas. Hier lag bestimmt kein Mangel an Feinfühligkeit vor, aber der Vorgang macht deutlich, dass „viel Spaß“ ein Reflex zu sein scheint. (Reflex ist eine Reaktion, bei der der auslösende Reiz direkt im Rückenmark unter Umgehung des Gehirns umgeschaltet und weitergeleitet wird)

Spaß als körperliches oder psychisches Lustgefühl macht das Leben zweifellos genießbar; aber die kulturelle Unart, alle angenehmen, befriedigenden, beglückenden Erlebnisse unter „Spaß“ zu subsumieren, halte ich doch für ziemlich unpassend.

Mit Kindern kann und sollte man viel Spaß haben, und schwer erträglich sind erwachsene Spaßbremsen. Ich plädiere aber dafür, Kindern die sprachliche Ausdruckvielfalt für eine Fülle von angenehmen Gefühlen zu vermitteln, damit sie auch ein Bewusstsein dafür entwickeln, was sie tatsächlich empfinden und was sie vielleicht wirklich ihren Mitmenschen wünschen.

Da ich kein Spaßverderber bin, befürworte ich durchaus das Streben nach Spaßhaben, weil dazu u.a. auch das Lachen gehört. Und Lachen ist bekanntermaßen die beste Medizin. Eine gesunde Mischung von Oberflächlichkeit und Tiefgang ist ein Merkmal von Lebendigkeit.

Ich werde jetzt mal in mich gehen und nachforschen, ob mir das Schreiben nur Spaß macht oder auch noch was anderes auslöst.

Ich wünsche Ihnen beim Lesen und für Ihr weiteres Leben viel Spaß.




  

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