10.3.12

YOGA


Ich suchte ein passendes Wort mit „Y“, und deswegen muss Yoga stellvertretend für alle tauglichen und untauglichen Strategien herhalten, die dem Erreichen eines befriedigenden inneren Zustandes dienen sollen. Und „befriedigend“ heißt hier: innere Ruhe und Gelassenheit.

Wellness-, Fitness-, Esoterikgläubigkeit breiten sich seit vielen Jahren seuchenartig aus. Das vielfältige Angebot an Heilungsversprechen von Trainern und Gurus korrespondiert mit den Heilserwartungen einer gläubigen und unglücklichen Kundschaft. Die von missionarischem Eifer besessenen Experten für Gesundheit und Glück sind teilweise Betrüger und teilweise gutwillig Überzeugte. Entweder ziehen sie den Leuten das Geld aus der Tasche oder die Kunden profitieren vom Placebo-Effekt. Ich will nun um Gottes willen nicht behaupten, dass Wohlfühl- und Fitnessmaßnahmen schädlich sind; nur: genauso wenig wie man sich Glück und Gesundheit kaufen kann, können innere Ruhe und Gelassenheit durch Kurse erworben werden. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Ausgeglichenen und Zufriedenen werden ohne fremde Hilfe und ganz von allein Dinge tun, die gut für sie sind. Die fast krankhafte Expertengläubigkeit beinhaltet den hoff-nungsvollen Appell: tu du was, damit es mir gutgeht. Dazu steht nicht im Widerspruch, dass man mal Rat und Informationen einholt, sofern man dies mit innerer Unabhängigkeit tut.

Viele Menschen leiden unter dem Gefühl der inneren Getriebenheit. Sie können nicht fünf Minuten rumsitzen und nichts tun. Sofort haben sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Zeit – wie sie meinen – sinnlos verplempern, sofort fällt ihnen Unerledigtes ein, sie werden unruhig und nervös, springen auf und machen irgendwas Nützliches oder Dringendes. Solche (und fast alle anderen) Menschen führen auch ständig Selbstgespräche wie „ich muss noch Staubsaugen, einkaufen, Tante Emmi anrufen…usw. Das stimmt alles gar nicht. Außer im Falle körperlicher Zwangssituationen (z.B. wenn man mal „muss“) muss der Mensch gar nichts. Man muss nicht einmal essen – man will es, weil man nicht verhungern will. Alles was man tut will man auch, und alles was man will tut man auch, es sei denn, äußere Zwänge machen das unmöglich. Ein mögliches „Muss“ ergibt sich lediglich aus einem vorhandenen Willen. Wenn man abends Bier im Kühlschrank haben will, muss man es vorher besorgen. Nur wenn man eine saubere Wohnung haben will, muss man Staubsaugen. Nur wenn man Emmis Vorwürfe nicht hören will, muss man sie anrufen. Und weiter: Jedes Handeln eines Menschen dient der Befriedigung eines Bedürfnisses. Wenn man eine Bank ausraubt, will man zu Geld kommen; wenn man einen Menschen mit großem Einsatz unterstützt, will man das beglückende Gefühl einer guten Tat genießen (Mutter Teresa hätte sich niemals für andere Menschen eingesetzt, wenn es nicht Glück oder ähnlich Angenehmes für sie bedeutet hätte). Wenn zwei Bedürfnisse im Widerstreit stehen, wird immer das als stärker empfundene befriedigt. Wenn meine Frau mir einen gemeinsamen Spaziergang vorschlägt, habe ich eventuell erstens keine Lust, traue mich aber zweitens nicht, „nein“ zu sagen, weil ich sie vielleicht enttäuschen würde und dann ein schlechtes Gewissen hätte. Ich entscheide mich („alternativlos“) für das stärkere Bedürfnis: entwe-der die Lust zu Hause zu bleiben oder die Vermeidung des schlechten Gewissens; das hängt von den vielen Facetten der gewachsenen Persönlichkeit ab. Ich warne: Ständige Entscheidungen, die der Angstreduzierung dienen, machen auf Dauer krank.

Wer immer nur aufgrund innerer Unfreiheit, deren Hintergrund Ängste sind, die Wahl zwischen Übeln hat, wird sich natürlich jedes Mal für das subjektiv geringere Übel entscheiden, aber er wird niemals zufrieden. Da dieses Prinzip für alle Bedürfniskonflikte gilt, ist es natürlich toll, wenn ich die Wahl zwischen mehreren angenehmen Dingen habe (Im Urlaub nach Schweden oder Indien?).

Ich erlaube mir einen Rat: Jedes Mal, wenn Sie sich bei einem „Ich muss noch“ erwischen, ersetzen Sie das durch ein „Ich will“. Nur bei Letzterem können Sie innehalten und sich fragen „will ich wirklich?“ Und dann können Sie eine wirklich freie Entscheidung treffen. Wer nur im „Muss-Modus“ lebt, fühlt sich ständig unfrei. Selbstverständlich ist nicht jede Ich-Will-Entscheidung mit Lust verbunden (ich will noch Mathe lernen, weil mir mein Abitur wichtig ist), aber das Leben im „Will-Modus“ bedeutet, dass immer klar ist, für welches Ziel/welche Bedürfnisbefriedigung man etwas will; und das damit verbundene Gefühl der Freiheit (man hat es ja selbst so gewollt) ist eine ausreichende Entschädigung für die auf sich genommene Unlust.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für Ihre weitere Lebensgestaltung reichlich „guten Willen“; dann werden Sie ruhig und gelassen und brauchen nicht so viel Yoga und Co.!






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