Für jeden Pups gibt es Expertinnen und Experten. Das Angebot ist immens. Entsprechend riesig ist die Nachfrage auf dem Markt der Ratlosigkeit. Hier findet ein kreisförmig sich selbst verstärkender Prozess statt: je mehr Ratgebende, desto mehr Ratsuchende und umgekehrt. Tatsächliche und selbsternannte Experten reden der potentiellen Kundschaft ein, für die verschiedenen Aspekte des Lebens nicht kompetent zu sein, und immer mehr Menschen glauben diesen Unsinn und halten sich wunschgemäß für Laien ihres Lebens. In des Satzes doppelter Bedeutung gilt: „Guter Rat ist teuer“.
Selbsthilfegruppen, Volkshochschulseminare, fachgeleitete Kurse, esoterische Zirkel und einschlägige Fachzeitschriften verbreiten sich seit Jahren seuchenartig, und der Glaube an sich selbst nimmt ständig ab.
Ich habe neulich von einer Gruppe sozialpädagogisch gebildeter, überwiegend weiblicher und deshalb besonders leidensfähiger Menschen gehört, die ihre defizitäre Selbstkompetenz einfach nicht mehr ertrugen und sich deshalb für eine mehrjährige Fortbildung entschlossen haben, um sich emotional und sozial weiterzuentwickeln, also Expertinnen für sich selbst zu werden. Die Kombination aus Projekt und Workshop nannten sie „Proshop“. Das mir auf Schleichwegen zugetragene Protokoll möchte ich hiermit einer breiteren Öffentlichkeit als Anregung zugänglich machen, wie man auch ohne Fachleute glücklich werden kann.
Selbsthilfegruppen, Volkshochschulseminare, fachgeleitete Kurse, esoterische Zirkel und einschlägige Fachzeitschriften verbreiten sich seit Jahren seuchenartig, und der Glaube an sich selbst nimmt ständig ab.
Ich habe neulich von einer Gruppe sozialpädagogisch gebildeter, überwiegend weiblicher und deshalb besonders leidensfähiger Menschen gehört, die ihre defizitäre Selbstkompetenz einfach nicht mehr ertrugen und sich deshalb für eine mehrjährige Fortbildung entschlossen haben, um sich emotional und sozial weiterzuentwickeln, also Expertinnen für sich selbst zu werden. Die Kombination aus Projekt und Workshop nannten sie „Proshop“. Das mir auf Schleichwegen zugetragene Protokoll möchte ich hiermit einer breiteren Öffentlichkeit als Anregung zugänglich machen, wie man auch ohne Fachleute glücklich werden kann.
Wir -
12 Sozialpädagoginnen, 1 Sozialpädagoge, 7 Sozialarbeiterinnen, 1 Sozialarbeiter, 5 Pädagoginnen, 1 Pädagoge, 6 Erzieherinnen, 1½ Erzieher, 1 Sozialhilfeempfängerin, 1 Sozialhilfeempfänger (nicht – ehelich verbunden) –
sind also bis auf wenige Ausnahmen eine richtige Frauengruppe. Wir sind einfühlsam, sensibel und empathisch, intrigant nur wenn unbedingt nötig und gewalttätig nur dann, wenn „Männer“ mal wieder so schrecklich machohaft eine abweichende Meinung raushängen lassen.
Planungsphase
Nachdem wir drei Jahre lang unsere Beziehungen zueinander aufgearbeitet hatten, waren endlich die nötigen Voraussetzungen für den Einstieg in die sachliche Arbeit geschaffen. Nach weiteren fünf Jahren kontroverser Diskussionen konnten wir uns endlich auf folgendes Thema des Proshops einigen:
„Wir wollen uns alle ganz doll liebhaben - im Gestern und Bald“. Als Nächstes wurde festgestellt, dass durch die Zusammensetzung des Proshops alle Facetten menschlicher Beziehungskisten abgedeckt waren: vom verbiesterten Single über die reaktionäre Paarbeziehung bis zum flotten Dreier. Die Arbeitsformen des Proshops waren revolutionär: Einzelarbeit, Paararbeit, das Spiel zu Dritt, Gefummel im Plenum, Jeux sadistique und maso-chistique, TZIgittigit, narzisstische Nabelschau (Encounter) und als Clou: das Ganze vorwärts, rückwärts und seitwärts. Begeistert wurde eine Idee des Sozialhilfeempfängers aufgegriffen: Das Erbringen von Leistung wird als kontraproduktiv verteufelt. Die Formulierung von Arbeitszielen wurde als schrecklich dominant verworfen, jedoch wollten wir uns an die Hoffnung klammern, dass es im Endergebnis gelingen würde, einen eleganten Liebesbeweis zu formulieren. Als zeitlicher Rahmen für die Durchführung des Proshops schien uns Unbegrenztheit angemessen. Ein biologisch fundiertes, also körperfreundliches Frühstück sollte den Arbeitstag eröffnen und wieder beenden.
Durchführungsphase
Die nun begonnene wirklich lebendige Begegnung mit uns selbst war echt total aufregend. Beine schlotternd, herzrasend, nasenflügelbebend, mit Achselschweiß und Händetremor betrat das 36 1/2-köpfige Team den als alternative Teestube eingerichteten und räucherkerzenduftgeschwängerten Arbeitsraum. Wir stießen bei uns selbst zunächst auf eine gespannte Mauer des Schweigens. Nachdem wir alle eine halbe Stunde lang ein gefühlsintensives Gruppenschweigen durchlebt hatten, entschied sich eine der therapieerleuchteten Sozialarbeiterinnen zur spontanen Echtheit und drückte mit tränenerstickter und vibrierender Stimme aus, was alle in diesem Moment empfanden: „Ich habe noch nicht gefrühstückt und brauch' erst mal einen Kaffee.“ Plötzlich entstand ein fürchterliches Tohuwabohu, denn das erste gemeinsame Frühstück war als gruppendynamische Übung gedacht. Um sich näher kennen zu lernen, sollten die Mitglieder des Proshops versuchen, von insgesamt drei Biobrötchen, zwei Bioeiern, 5o g Biokonfitüre und einer halben Kanne Biokaffee satt zu werden. Nachdem dies erwartungsgemäß gelungen war - denn alle TeilnehmerInnen beherrschten schon seit Jahren die Tugend der sozialpädagogischen Selbstverleugnung – zeigte die Sozialhilfeempfängerin einen selbst gedrehten Videofilm mit dem Titel „Das große Fressen“. Anschließend hielten wir uns alle an den Händen und erfühlten im Hier und Jetzt die alte Volksweisheit, dass orale Frustrationen nur durch Körperkontakt kompensiert werden können. Inzwischen waren wir alle ganz schrecklich dankbar, dass die Heizungsanlage bei -2o Grad Außentemperatur ausgefallen war. Durch das gemeinsame Händchenhalten war nämlich der Raum emotional so aufgeheizt, dass bei 45 Grad Innentemperatur eine körpertherapieerfahrene Erzieherin spontan damit begann, sich die Klamotten vom Leib zu reißen. Alle Teilnehmerinnen vergossen schnapslange Tränen der Rührung über den Mut zu einer so spontanen Selbstoffenbarungsleistung. Wir fielen uns in den Arm und hatten uns alle ganz schrecklich doll lieb. Das Eis unserer gesellschaftlich bedingten Sozialangst war gebrochen und der weitere Verlauf unseres Proshops war ähnlich oder ähnlich anders.
Auswertungsphase
Nachdem wir sechs Tage in symbiotischer Verschmelzung verharrt hatten, lösten wir gaaanz gaaanz vorsichtig unsere verkletteten Seelen und ineinander verschlungenen Körper und stellten uns die ungewöhnliche Frage: „Was hat das nun mit uns gemacht?“ Eine Sozialpädagogin, die schon die ganze Zeit durch penetrante Ehrlichkeit aufgefallen war, meinte unvermittelt:„Ich habe nun endlich ein inniges Verhältnis zu meinem Piepsmäuschensyndrom gefunden.“ Die männlichen Teilnehmer waren sich ohne Ausnahme einig geworden, sich nun endlich kastrieren zu lassen, um sich glaubwürdig als Feministen fühlen zu können. Daraufhin sendeten alle ganz spontan und durcheinander ICH-BOTSCHAFTEN, es wurde im AKTIVEN ZUHÖREN gewetteifert, und alle genossen dieses beglückende Gefühl kommunikativer Kompetenz. Man hörte:
„ich konnte endlich meine seelische Klagemauer einreißen, weil mir in diesem
Proshop das erste Mal ein Mensch zugehört hat“
„ich fühle mich so aufregend distanzlos“
„ich möchte mit euch allen alt werden“
„das klingt so, als wenn du endlich deinen Körpergeruch akzeptieren kannst“
„es ist schön, dass du endlich an deine Glatze glaubst“
Die anderen Bemerkungen gingen im Stimmengewirr einer offenheitsgeschwängerten Atmosphäre unter. Am Schluss konnten wir uns auf folgendes tolerante Fazit einigen: Diese Veranstaltung hat mit uns viel gemacht, und wenn sie mit einem wenig gemacht hat, dann macht das auch nichts.
Während des Schlusskreises berührte jeder zärtlich das Ohrläpp-chen des Anderen, und wir sangen unsere Proshop-Hymne mit dem Titel:
„ich fühle mich so aufregend distanzlos“
„ich möchte mit euch allen alt werden“
„das klingt so, als wenn du endlich deinen Körpergeruch akzeptieren kannst“
„es ist schön, dass du endlich an deine Glatze glaubst“
Die anderen Bemerkungen gingen im Stimmengewirr einer offenheitsgeschwängerten Atmosphäre unter. Am Schluss konnten wir uns auf folgendes tolerante Fazit einigen: Diese Veranstaltung hat mit uns viel gemacht, und wenn sie mit einem wenig gemacht hat, dann macht das auch nichts.
Während des Schlusskreises berührte jeder zärtlich das Ohrläpp-chen des Anderen, und wir sangen unsere Proshop-Hymne mit dem Titel:
„LIEBE, GLÜCK UND HARMONIE“
Als der Arbeitsalltag wieder begonnen hatte, wurde den frisch Fortgebildeten schmerzhaft bewusst, wie sehr das kommunikative Verhalten der Unwissenden in Arbeitsgruppen und Konferenzen dem Motto „Liebe, Glück und Harmonie“ widersprach. Zur Abhilfe wurde eine Gegenüberstellung von falschem und richtigem Verhalten im A1-Format in allen Dienststellen aufgehängt. Betroffenen Leserinnen und Lesern wird dringend empfohlen, die im Folgenden aufgeführten Regeln zu beachten.
falsch richtig
ich habe mich geärgert, weil... ich hätte mich gefreut, wenn...
es stinkt mir, dass... ich würde mich freuen, wenn...
hier wird doch nur Unsinn ich würde mich freuen, wenn
geredet ich dich besser verstehen könnte
kannst du dich bitte kurz fassen? ich freue mich, dass du so viel
kannst du dich bitte kurz fassen? ich freue mich, dass du so viel
zu sagen hast
diese nervtötenden endlosen ich freue mich über eure
Debatten aktive Beteiligung
Ruhe!!! ich freue mich über unsere
diese nervtötenden endlosen ich freue mich über eure
Debatten aktive Beteiligung
Ruhe!!! ich freue mich über unsere
lebendige Gruppe
die Leitung sollte endlich ich freue mich, dass alle
die Leitung sollte endlich ich freue mich, dass alle
mal entscheiden Meinungen gleichermaßen
berücksichtigt werden
berücksichtigt werden
die Leitung sollte mal ich freue mich, dass die
die Geschäftsordnung lesen Leitung keine Paragra-
phenreiterei betreibt
scheiß Zeitüberziehung! ich freue mich, dass wir es
scheiß Zeitüberziehung! ich freue mich, dass wir es
so lange miteinander aushalten
diese Unzuverlässigkeit ist eine ich freue mich über
diese Unzuverlässigkeit ist eine ich freue mich über
rücksichtslose Schlamperei eure zwangloseKreativität
bei diesem Informations – und ich freue mich über unsere
Organisationschaos kann man abwechselungsreichen
sich auf nichts einstellen Arbeitsbedingungen
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