7.3.12

JUGEND

Jugendliche, die nicht völlig bescheuert sind, sind nicht normal. Pflegeleichtigkeit in diesem Alter ist ein besorgniserregender Zustand, der bei verantwortungsbewussten Eltern alle pädagogischen Alarm-glocken erklingen lassen muss. Natürlich waren Sie als gequälte Eltern niemals in diesem für die Jugendlichen selbst und die Mitmenschen anstrengenden Alter, aber vielleicht können Sie sich mit ein bisschen Mühe in diesen vorrübergehenden Zustand des hormonell bedingten Irreseins hinein-versetzen. Vor Gericht gelten selbst die schlimmsten Übeltäter in manchen Fällen als schuldunfähig – das gilt auch für Jugendliche; sie sind einfach nicht bösartig, sondern unerträglich und liebenswert bekloppt. Mit scharfsinniger Intelligenz weisen sie ihren Eltern täglich nach, wie überflüssig diese sind – mit einer Ausnahme: wenn sie Geld brauchen.

Liebe Eltern, bitte beachten Sie folgendes:

1. Bleiben Sie gelassen, der Zustand geht vorüber.

2. Die Jugendlichen wollen nur deswegen nichts mit Ihnen zu tun haben um zu verschleiern, dass sie Sie als Eltern dringend brauchen.

3. Lassen Sie die Leine nicht kurz oder lang, sondern lassen Sie sie ganz fallen; wenn Sie nur klar machen, dass Sie im Notfall da sind, werden Ihre Pubertierenden nicht ganz abhauen.

4. Reden Sie nur, wenn Sie gefragt werden. Unerbetene Kommentare werden als Kriegserklärung verstanden.

5. Zeigen Sie Ihr Vertrauen in den Überlebenswillen der Jugend-lichen.

6. Äußern Sie sich niemals zum Outfit Ihrer lieben „Großen“.

7. Geben Sie keine Uhrzeiten mit, dann kommen sie rechtzeitig.

8. Wenn Sie Ohnmachtsanfälle vermeiden wollen, inspizieren Sie niemals das Kinderzimmer.

9. Verlangen Sie niemals gemeinsame Mahlzeiten oder gar gemeinsame Spaziergänge, dann wird Ihnen gekündigt. Wenn sich ein gemeinsamer Sommerurlaub nicht vermeiden lässt, teilen Sie nur den Abreisetag mit, dann haben Sie drei Wochen Ruhe.

10. Wenn Ihnen morgens ein wildfremder Mensch im Badezimmer begegnet, stellen Sie sich blind. Ihr Kind hat nicht geheiratet sondern übt nur.

11. Verhalten und stylen Sie sich nicht, als wären Sie noch in der Pubertät. Ihre Kinder finden „jugendliche“ Eltern nicht schick sondern nur peinlich. Außerdem sind Sie in den Augen Ihrer Kinder sowieso 30 Jahre älter als Sie tatsächlich sind.

12. Wenn Ihr Kind eine Fete feiert, machen Sie sich vondannen oder sonst wie unsichtbar, Sie sind nicht eingeladen. Machen Sie Ihrem Kind nur klar, dass es die Wohnung in ihrem ursprünglichen Zustand zu übergeben hat.

Wenn Sie diese „12 Gebote“ beachten, werden Sie das Jugendalter Ihres Kindes lebend überstehen. 

Zu Ihrer Beruhigung bringe ich Ihnen den Fall eines typischen Jugendlichen zur Kenntnis, der mir in meiner psychologischen Praxis vielleicht mal begegnet ist und der genauso normal ist wie Ihr Kind.



Willibald (15;4)


Teil I 


Beschreibung seines bescheuerten Verhaltens


Bei W. fallen seit einiger Zeit merkwürdige Verhaltensweisen auf, die Anlass zur Sorge bereiten. Damit die Beschreibung nicht chaotisch wird und von der fachkundigen Leserschaft nachvollzogen werden kann, möchte ich sie in verschiedene Bereiche aufteilen.

1. Äußeres Erscheinungsbild


W. trägt ausschließlich durchlöcherte Turnschuhe und Jeans, wobei letztere für seine ungewöhnliche Größe von 1,81 wohl nicht mehr passend zu haben war: sie sind 30 cm zu lang, und der Schritt hängt in den Kniekehlen. Drei verschiedenfarbige T-Shirts bedecken seinen Oberkörper. Vom Gesicht ist leider wenig zu sehen, da dieses von einer überdimensionierten Sonnenbrille und einer Kapuze verdeckt wird. Dafür fällt seine „Frisur“ dem Betrachter umso mehr ins Auge: Die Haare glänzen pechschwarz, rechtsseitig ein roter und ein gelber Streifen und in der Mitte keilförmig nach oben gegelt. Außerdem scheint der arme Junge schwerhörig – vielleicht sogar taub –zu sein, denn er trägt im Ohr einen Knopf, der kabelmäßig vermutlich mit einer Stromquelle verbunden ist. Dafür scheint er nicht blind zu sein, denn er starrt unentwegt auf das Display seines Handys und drückt wild auf den Knöpfen herum.

2. Motorik


Bei jedem seiner riesigen Schritte wippt W. leicht in den Knien, die Fußsohlen tätscheln den Untergrund, man kann seinen Gang als schlaksig bezeichnen. Sein hin und her wiegender Oberkörper sowie rhythmische Bewegungen der Arme erwecken den Eindruck, als würde er sich nach Musik bewegen; das erstaunt, denn man hört nichts und W. wohl auch nicht (siehe oben).

3. Sozialverhalten


Seinen armen Eltern gegenüber verhält sich W. so, als hätte er permanent Grund zu protestieren. Alles, was diese guten Menschen tun, wird in Frage gestellt, er befolgt keine noch so berechtigten Bitten/Anweisungen, kommt zu spät nach Hause und lässt sich von vorn bis hinten bedienen. Manchmal erweckt er den Eindruck, als wolle er mit seinen Eltern nichts mehr zu tun haben, z.B. lehnt er nett gemeinte Angebote zu gemeinsamen Sonntagsnachmittagsspaziergängen undankbar ab. Nachmittags und am Wochenende hockt er vorm PC und beschäftigt sich mit Videospielen (ein besorgniserregendes Isolationsverhalten); erst abends wird er munter und haut ohne Erklärung einfach ab. Wahrscheinlich macht er einsame Spaziergänge, auf denen er über seine Probleme nachdenkt. Er soll aber auch schon in einer Clique Gleichaltriger gesehen worden sein. Sicher ist, dass er seine ganzen sozialen Bedürfnisse in den Wochenendnächten nachholt. Er hängt dann mit anderen Jugendlichen herum und geht auch schon mal bis knapp über die Kriminalitätsgrenze in Diskos. Diese Clique übt einen schlechten Einfluss auf W. aus, da er sich auch schon mal dazu verführen lässt, ein Bier zu trinken und eine Zigarette zu rauchen.

4. Schulisches Verhalten

W.´s Leistungen haben seit 2 Jahren schleichend doch rapide nachgelassen. Er bringt sogar die eine oder andere „5“ nach Hause, und die Eltern pflegen in diesem Zusammenhang einen regen Kontakt mit dem Klassenlehrer. Sogar den Lehrern gegenüber ist er frech und hat ihren Unterricht schon mal als „abtörnend“ bezeichnet. Als der Fachlehrer für Gesellschaft und Politik das Thema „Ausbildungs – und Berufschancen junger Menschen in unserer Gesellschaft“ behandelt hat, soll W. gesagt haben, Ausbildung sei zu anstrengend, außerdem hätten seine Eltern reichlich Kohle, und wenn die nach seinem 35. Geburtstag nicht mehr zahlen würden, würde sein Weg über „Hartz IV“ direkt in die Rente münden (abgesehen von dieser unzulässig groben Vereinfachung scherzt man mit so was nicht). Noch weigern sich die Eltern, die Hoffnung aufzugeben.

5. Sexualverhalten


Besonders erschreckend ist, dass W. seine Pornohefte ganz offen in seinem Zimmer liegen lässt. Er macht nicht einmal den Versuch, diese schamhaft zu verbergen. Als W.´s Vater ihn vor wenigen Wochen mal diskret beiseite genommen hatte zu einem Vier-Augen-Gespräch unter Männern, um seinem Sprössling unter Aufbietung seines ganzen Mutes die Frage zu stellen, ob dieser denn schon wisse, wie das mit den „Kindern“ ginge und vor allen Dingen, wie man Katastrophen vermeide, soll W. seinem Vater seine Kondomsammlung gezeigt haben mit den Worten „ich bin keine Jungfrau mehr“. Als besonders besorgniserregend ist zu bewerten, dass W. regelmäßig onaniert.

Zusammengefasst: W. zeigt also eine Fülle von Verhaltensstörungen, die für Fachleute nur auf dem Hintergrund seiner Kindheitsentwicklung verstehbar sind.

Beschreibung seiner schrecklichen Kindheit


W. wurde nach neun Monaten komplikationsloser Schwangerschaft als Wunschkind geboren. Größe und Geburtsgewicht waren normal. W. wurde 1 ½ Jahre mit zuletzt abnehmender Frequenz gestillt, er hatte guten Appetit, schlief störungsfrei und viel, schrie wenig und war insgesamt ein fröhliches, lebhaftes und weltzugewandtes Kind. Seine Mutter war zärtlich und liebevoll; beide Eltern gaben ihm viele Entwicklungsanreize und die Chance, auf seinem eigenen Weg die Welt zu entdecken. Mit 2;6 war W. ganz von allein zuverlässig trocken geworden, mit drei Jahren kam er in den Kindergarten. Hier fiel er insbesondere durch seine Wissbegierde, seinen Phantasiereichtum und sein friedliches Konfliktverhalten auf. Noch vor dem Schuleintritt beschäftigte er sich erfolgreich mit Wörtern und Zahlen. Auch motorisch war er geschickt und wagemutig. Seine Schulkindzeit ver-brachte er ohne elterlichen Druck, er war fleißig, zuverlässig und brachte stets gute Noten mit nach Hause. Auf den ersten Blick sieht das ja alles hervorragend aus, aber nur psychologische Fachleute sind in der Lage, die hinter dieser scheinbar glanzvollen Kindheit verborgene Leidensgeschichte zu entschlüsseln und zu verstehen; denn mit der so genannten Normalität ist das ja so eine Sache: Wenn Fachleute ihre Erscheinungsformen psychologisch genug unter die Lupe nehmen, erweisen sie sich doch normalerweise als Ausdruck tiefgreifender psychischer Störungen.


Teil II 

Willibalds verkorkste Persönlichkeitsstruktur – eine knallharte
aber nicht herzlose Interpretation


Fangen wir einfach mal damit an, wie der arme Kerl so rumläuft. Auch unter Wahrung fachlicher Neutralität kann man dieses Erscheinungsbild nur als verlottert und geschmacklos bezeichnen. Wir fragen uns – um Verständnis bemüht: Warum tut Willibald sich das an? Hier erweist sich das bürgerliche Vorbild der Eltern, an ordentlichem und kulturbetontem Lebenswandel orientiert, als der entscheidende Pferdefuß. W. muss wahnsinnig unter dem bürgerlichen Lebenswandel seiner Eltern gelitten haben. Der gute Geschmack und das geistige Niveau seiner Eltern sind von dem armen Kerl als Zwangskultivierung empfunden worden, aus dem auszubrechen ihm nur durch seine gegen-wärtige Geschmacksverirrung möglich ist. Und dann allein schon seine schwarz-rot-goldenen Haare und seine riesige Sonnenbrille, hinter der er sich versteckt: Hier paaren sich deutsch-patriotischer Größenwahn (eine fehlgeleitete Identifikation) mit einem fragilen Selbstwertgefühl, was nicht zuletzt dadurch zu erklären ist, dass er „geliebt“ wurde. Haben sich die Eltern jemals gefragt, ob durch diese so genannte Liebe und Geborgenheit bei ihrem Kind nicht die quälenden Zweifel aufkommen könnten, ob er dessen wert sei? Geliebt zu werden und ein „Wunschkind“ zu sein, erweist sich wieder einmal als ein zweischneidiges Schwert, das ein Kind unter Erfolgsdruck setzt, sodass es (wie W.) seine unbewusste Versagensangst nur durch das Verdienst deutsch zu sein zu kompensieren vermag. Da kann auch eine Sonnenbrille den psychologischen Scharfblick auf ein zerrüttetes Innenleben nicht verhindern – ein Innenleben, dem sich W. schon als Kleinstkind nicht zu stellen wagte: Seine „Weltzugewandtheit“ war schon damals ein reines Ablenkungsmanöver; das Muster hat sich bis heute fortgesetzt, nur die Ablenkungsformen haben sich geändert (siehe Alkohol, PC, Dis-ko). Eine weitere Ursache für sein zerstörtes Selbstwertgefühl ist die Tatsache, dass W. erst mit   2 ½ Jahren sauber war. (und das „von allein“ – haben die Eltern hier etwas schleifen lassen?) Wer so lange in der Scheiße liegt, kann nur sich selbst beschissen finden – ein Selbsthass, der sogar dem abgeklärten Profi die Tränen des Mitleids in die Augen treibt.

Hinter den beschriebenen sich stereotyp wiederholenden Bewegungsabläufen von W. verbirgt sich eindeutig eine motorische Zwangsstörung, die leicht zu erklären ist. In der Lebensgeschichte heißt es, der Junge sei geschickt und wagemutig gewesen; das kann doch nur heißen, dass er seine Frustrationen nicht anders auszuagieren wusste – ein typisches Zeichen verbrämter Hyperaktivität – heute durch soziale Zwänge mühsam in Schach gehalten. Er gibt sozusagen Gas und bremst gleich-zeitig, das traurige Ergebnis ist die beschriebene motorische Stereotypie. Des Weiteren lässt sich beweisen, dass W. ´s Knopf im Ohr ein Hörgerät zur Kompensation seiner Taubheit ist. In der Kindheitsgeschichte heißt es, ihm seien viele Entwicklungsanreize geboten worden. In der Fachsprache nennt man das Reizüberflutung. Gegen deren Auswirkung hat er sich nur durch Taubheit schützen können. Das an – und abschaltbare Hörgerät gibt ihm einen Rest an Freiheit, nämlich zu entscheiden, was er hören will und was nicht. Gegen die optische Reizüberflutung schützt W. sich mit seinem Handy, auf das er mit Scheuklappen starrt wie das Kaninchen auf die Schlange, nur um nicht von optischen Reizen übermannt zu werden.

Des Weiteren lässt sich W.´s soziales Rückzugsverhalten gegenüber den Eltern sehr schön erklären. Erst neun Monate im Bauch, dann ewig lange gestillt und mit sogenannter mütterlicher Zärtlichkeit betütelt – das kann doch nur heißen, dass hier eine obsessive Mutter einfach nicht loslassen konnte. Willibalds Rückzug ist die mühsam inszenierte Befreiung aus emotionaler Abhängigkeit – eigentlich ein gesunder Schritt – doch bei W. führt das in die Einsamkeit des eigenen Zimmers, weil ihm die Nähe zur eigenen Familie nur noch bedrohlich erscheint. Normale Jugendliche gehen jedenfalls sonntags mit ihren Eltern spazieren, während W. nicht freiwillig, sondern tragischerweise vor diesem harmonischen Familienerlebnis flüchtet. Zur Hoffnung Anlass gibt allerdings die Tatsache, dass W.´s Bindungsstörung Lücken aufweist. Das beweist seine Kontaktfähigkeit zu Gleichaltrigen. Doch auch hier haben wir wieder die tragische Zwiegespaltenheit: Auf der einen Seite sucht er die Clique, auf der anderen Seite sind passives Rumhängen, Alkoholgenuss und irre laute Musik in der Disko wirklich nicht dazu angetan, sich auf einer menschlich wertvollen Ebene wirklich zu begegnen. Für W. ist diese Form des „Kontaktes“ auf Grund seiner sozial – emotionalen Zerrüttung mit Sicherheit eine gerade noch zu ertragene Notlösung.

Ein weiterer Punkt von W.´s Sozialverhalten ist noch interpretationsbedürftig: In der Lebensgeschichte heißt es, er habe schon im Kindergarten ein friedliches Konfliktverhalten gezeigt. Dies ist nur eine Umschreibung für Überangepasstheit, motiviert durch Liebesverlustangst. Schon als Säugling hat W. deshalb keine Zicken gemacht. Auf diesem Hintergrund ist sein heutiges exzentrisches Verhalten nachvollziehbar: W. will endlich einmal geliebt werden für das was er wirklich ist: unangepasst. Ebenfalls auf diesem Hintergrund ist sein frühkindlicher „Phantasie-reichtum“ zu sehen; auf Deutsch heißt das: Der Anpassungsdruck durch seine idealen Eltern zwang W. in eine Phantasiewelt (auch Tagträumerei genannt), in die er entrinnen konnte. Wenn er heute mit seinen Kumpels abhängt oder in seine Videowelt abtaucht, schützt er sich vor der aufdringlichen Wertevermittlung seiner Eltern. Diese haben W. zwar „seinen eigenen Zugang zur Welt“ ermöglicht, aber heute haben sie – weil ihnen dieser eigene Zugang nicht in den Kram passt – Probleme damit. Da stimmt doch was nicht! Außerdem bestätigt sich hier einmal mehr, dass zu viel Freiheit innerlich einsam macht; W. ist auch hierfür ein typisches Beispiel.

Wir kommen zum schulischen Verhalten. W. sei immer ein guter Schüler gewesen und ohne Leistungsdruck aufgewachsen. Was heißt das denn? Hier wird doch nur die Interesselosigkeit an den schulischen Leistungen des Jungen verschleiert. Unbewusst hat W. das sicher schon immer geahnt, und er hat sich durch seine schulischen Erfolge jedenfalls das scheinbare Wohlwollen seiner Eltern gesichert – wie hätte er sonst überleben können? Entwicklungspsychologische Untersuchungen haben belegt, dass Kinder den sanften und/oder unsanften Druck der Eltern brauchen um zu spüren, dass den Eltern die Zukunft ihrer Sprösslinge nicht am Arsch vorbei geht. Außerdem schadet gerade im schulischen Bereich diese moderne falsch verstandene Toleranz der Karriere der Kinder erheblich, weil sie so nicht auf die Härte des Berufslebens vorbereitet werden. Die Eltern von W. waren zwar gutwillig (wie alle Eltern), aber sie haben in dieser Hinsicht bei W. versagt. Die heutige totale Leistungsverweigerung von W. ist die erschreckende Folge.

Last but not least versuchen wir nun, das merkwürdige gestörte Sexualverhalten von W. unter die Lupe zu nehmen. Noch mal zusammengefasst: Er besitzt Pornos, Kondome, sexuelle Erfahrung und eine gesunde rechte Hand. In diesem Zusammenhang fällt auf und besonders ins Gewicht, dass in seiner früheren Kindheit Sexualität anscheinend überhaupt nicht vorkommt. Die von FREUD erfundenen Phasen hat er vermutlich gar nicht erlebt, denn wie ist es anders zu erklären, dass sein Vater erst kürzlich einen Aufklärungsversuch unternommen hat. Hier liegt diagnostisch eindeutig ein Fall von sexueller Verwahrlosung vor. Wir gehen davon aus, dass die Eltern gutwillig waren (wie alle Eltern) und dass sie W. von Anfang an vor der Grausamkeit sexueller Realitäten schützen wollten. Auch hier wieder ist uns aus psychologischen Untersuchungen bekannt, dass Kinder, die gar nicht oder nur in Form von Bienen und Klapperstorch mit Sexualität konfrontiert worden waren, einen derartig extremen Triebstau entwickeln, der dann in der Pubertät in einer die Moral und die Gesundheit gefährdenden Weise explodiert. Gemessen an der gegenwärtig extrem ausgeprägten sexuellen Störung ist die Chance äußerst gering, dass W. jemals ein normales Eheleben – orientiert am Beispiel seiner Eltern – führen kann.

Abschließend sei hier folgendes festgestellt: Wir haben es hier mit einer typisch deutschen Familie zu tun, in der sich die Eltern den Arsch aufgerissen haben, weil sie immer das Beste für ihr Kind wollten, und tragischerweise muss festgestellt werden, dass das Ergebnis niederschmetternd ist. Normale Menschen (Laien) würden W. als undankbar gegenüber den elterlichen Opfern bezeichnen. Wir aber stellen fest, dass hier ein Jugendlicher im Brunnen liegt, dessen jämmerliche Hilfeschreie nur Fachleute hören können; und diesem hilflosen Flehen wollen wir uns nicht verschließen.


Teil III 

Was tun?

1. Vordringlich liegt an, dass sich W. einer so genannten Typ-Beratung unterzieht. Wenn sein völlig unharmonisches Erscheinungsbild dadurch in Einklang mit einer vernünftigen Persönlichkeit gebracht wird, ist ein erster wichtiger Schritt zur Heilung getan. Auch hier gilt: Kleider machen Leute.

2. Um W. von seinem unechten Patriotismus, der bei ihm nur eine psychische Funktion erfüllt, zu befreien, muss ihm dringend nahegelegt werden, in die LINKE einzutreten und das Absingen der „Internationale“ zu üben, damit er nicht Gefahr läuft, eines Tages die falschen Lieder zu schmettern.

3. Um W.´s zwangsgestörte Motorik zu therapieren, sollte er einen Tanzkurs für Standarttänze besuchen. Das würde ihm neben der Körperbeherrschung auch den Kontakt zu anständigen jungen Menschen ermöglichen.

4. Um W. behutsam aus seiner verderblichen Clique herauszulösen, sollte er täglich als abschreckendes Beispiel einen Film über drogensüchtige und kriminelle Jugendliche ansehen müssen.

5. Um W.´s Fluchtreflexe gegenüber seinen Eltern abzubauen, sollte mindestens dreimal pro Woche ein Spieleabend mit seinen Eltern stattfinden. Diese sollten dahingehend instruiert werden, dass sie W. auf jeden Fall gewinnen lassen, um sein kaputtes Selbstwertgefühl nicht noch weiter zu schädigen.

6. Um die schulische Leistungsmotivation zu verbessern, sollte der Vater seinen Sohn öfter mit in sein Büro nehmen, um ihm die Vorteile einer beruflichen Karriere vor Augen zu führen. Damit W. lernt, dass Leistung sich lohnt, sollte ein entsprechendes Honorar für gute Zensuren gezahlt werden.

7. Die schwerste Aufgabe wird darin bestehen, W.´s sexuelle Persönlichkeitsstörung erfolgreich zu behandeln. Es ist eine Gratwanderung, ihm auf der einen Seite eine angemessene Triebbefriedigung zu ermöglichen, ihm aber auf der anderen Seite endlich einmal Selbstbeherrschung beizubringen. Da wir pädagogisch progressiv eingestellt sind, denken wir daran, vorübergehend eine Nutte zu engagieren, sodass W. seinen Triebstau nicht kriminell befriedigen muss. Wahrscheinlich wird er sich dann auch bereit zeigen, an der Volkshochschule einen Kurs in katholischer Sexualmoral zu belegen.

8. Alle therapeutischen Bemühungen werden nichts fruchten, wenn die Eltern nicht mitziehen. Deswegen hat die sogenannte Elternarbeit auch höchste Priorität. Hier muss das professionelle Taktgefühl bis an seine Grenzen ausgereizt werden. Die hohe Kunst besteht darin, die Eltern darüber aufzuklären, dass sie alles verkehrt gemacht haben, ohne dass sie vor Schreck den Schwanz einziehen – sprich: die Mitarbeit verweigern, sondern dass sie scharf darauf sind, ihre Schuldgefühle durch pädagogische Wiedergutmachungsaktionen zu bewältigen.

9. Das Jugendamt sollte die Supervision in Form regelmäßiger Hausbesuche übernehmen und in regelmäßigen Abständen Erziehungskonferenzen leiten, an denen alle mit dem Fall befassten Personen beteiligt sind: die Eltern, die Nutte, der Klassenlehrer, die Tanzkursleiterin, die Typberaterin und last but not least Willibald selbst.

10. Wenn sich alle Beteiligten jahrelang bemühen, könnte aus Willibald etwas werden. Aber zum Schluss sei darauf hingewiesen, dass das Bemühen allein nicht reicht, denn alles ist für die Katz, wenn die beteiligten Menschen neben ihrer Fachkompetenz nicht auch die richtigen Einstellungen haben. Ich nenne hier die drei Essentials:
Altruismus, Optimismus, Psychologismus.

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Ein völlig anderer Aspekt des Themas „Jugend“ ist der sogenannte Jugendwahn. Ist das Alter eine Schande und ein Makel? Nein! Ist das Jungsein ein Verdienst? Nein! Da alle Lebewesen gleichzeitig älter werden, ist das ständige Jung-bleiben-wollen und der Glaube, es auch tatsächlich zu können, natürlich eine Wahnvorstellung und damit eine schwerwiegende psychiatrische Erkrankung. Das affige Getue um das kalendarische Alter ist derart dumm und lächerlich, dass sich eine ernsthafte Beschäftigung damit eigentlich nicht lohnt. Dennoch liegen mir dazu einige Gedanken am Herzen, weil der gnadenlose Zahn der Zeit sehr vielen „psychiatrisch Erkrankten“ große Schmerzen bereitet und ganze Industriezweige viel Profit mit „Heilmitteln“ machen.

Warum wird es als taktlos angesehen, Menschen (insbesondere Frauen) nach ihrem Alter zu fragen? Was bedeutet die bescheuerte Aussage, jemand sei „60 Jahre jung“? Warum werden Menschen mittleren oder höheren Alters für ihr „jugendliches“ Aussehen bewundert? Warum wird für Täuschungsmanöver (Schminke, Tarnkleidung, Operationen) so viel Geld ausgegeben? Warum finden Alte es toll, „ewig jung geblieben“ zu sein, obwohl dies das Symptom einer schweren Entwicklungsstörung ist?

Als Antwort auf diese Fragen fällt mir nur ein Begriff ein: Angst – z.B. vor dem Verlust sexueller Attraktivität, vor dem Verlust von Leistungsfähigkeit, vor dem Gefühl weniger wert zu sein, vor der Wahrheit, dass das Ende immer näher kommt. Und ein schwaches Selbstwertgefühl ist die Grundlage, auf der solche Ängste ent-stehen können.

Alle Menschen wollen alt werden aber niemand will alt sein. Dass Menschen, die sich für vernunftbegabt halten, diesen Widerspruch in ihrem Gehirn zulassen, hat wirklich etwas mit „Wahn“ zu tun.

Mit 65 will ich mich nicht mehr „jung“ fühlen und auch nicht mehr wie 30 aussehen. Im Gegenteil: Ich will die Früchte meiner Erfahrungen und meiner Reife genießen, und ich will, dass man mir auch die gelebten Jahre ansieht. Und das bedeutet nicht, dass ich automatisch vitalitätslos und abstoßend hässlich bin.

Ich empfinde intensiv Mitleid mit diesen lächerlichen und dämlichen weiblichen und männlichen Würstchen, die viel Geld und Energie verschwenden, um die Zeit zu besiegen und sich selbst zu betrügen. Und besonders peinlich ist der Gang zur Änderungsschneiderei (Schönheitschirurgie).

 Es hat nichts mit Jugendwahn zu tun, wenn man sich geistig und körperlich fit hält, um sich möglichst lange wohl zu fühlen, und wenn man seinen Mitmenschen gerne gepflegt unter die Augen tritt.

Menschen, die sich um ihr Wohlergehen kümmern und denen ihr Alter scheißegal ist, fühlen sich entspannt und ausgeglichen und sehen dann auch richtig „jung“ aus!




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