7.3.12

FREIHEIT

Äußere Freiheit bedeutet, dass ein Mensch im Rahmen seiner physischen und materiellen Möglichkeiten seine Bedürfnisse befriedigen kann. Soziale Grenzen sind bestimmt durch die gleichberechtigte Freiheit der Mitmenschen. (Das Bedürfnis, 100 Kilo zu stemmen, kann ich nicht befriedigen, wenn ich zu schwächlich bin; das Bedürfnis nach goldenen Wasserhähnen bleibt unerfüllt, wenn ich nicht genug Kohle habe.)

Innere Freiheit bedeutet, dass ein Mensch im Rahmen seiner emotionalen und geistigen Möglichkeiten seine Bedürfnisse befriedigen kann. (Das Bedürfnis, eine Frau anzusprechen, kann ich nicht befriedigen, wenn ich zu viel Schiss habe; das Bedürfnis, ein Nobelpreis verdächtiges Buch zu schreiben, kann ich nicht befriedigen, wenn ich dafür zu blöd bin.)

Diese banalen Gedanken reichen aus zu verdeutlichen, wovon ich im Weiteren spreche.

Erziehende Erwachsene sehen nun ihre Hauptaufgabe darin, die äußere und innere Freiheit ihrer Kinder im Keim zu ersticken. Wenn das nicht gleich gelingt wegen einer besonders ausgeprägten Widerstandskraft der Kinder (solche werden als schwer erziehbar bezeichnet), wird in einem zermürbenden Kleinkrieg oft jahrelang gerungen, bis eine Seite gewonnen hat. Eltern sind ja in Gegenwart ihrer Kinder extrem gesprächig, d.h. sie geben fast ohne Unterbrechung Anweisungen, was das Kind zu tun oder zu lassen habe. Besonders gut zu beobachten ist das in Supermärkten und auf Spielplätzen. Boykottmaßnahmen der Kinder werden dann als Trotz bezeichnet. Eigenwilligkeit wird nicht als Tugend angesehen, sondern als sozial schädlich gebrandmarkt. Erstaunlicherweise unterstützen dieselben Eltern die Freiheitskämpfe unterdrückter Völker. Wenn ein Kind „ich will“ oder „nein“ sagt, wird das mit psychischen Waffen bekriegt, bis der Zugang zu seinen Gefühlen und Bedürfnissen völlig blockiert ist. Ein solches Kind wird dann als gehorsam bezeichnet. Wer in seiner Kindheit und Jugend versklavt wurde, hat dann später das Bedürfnis, selbst Sklavenhalter zu werden. 

Äußere Freiheit können nur solche Menschen sozial verantwortlich wahrnehmen, die durch ihre innere Freiheit ein bedürfnisgerechtes Leben führen, also im Großen und Ganzen zufrieden sind; oder natürlich diejenigen, die nur zu viel Angst vor dem Ausleben ihrer kriminellen Energie haben. Innere Freiheit kann sich entwickeln, wenn Kinder durch ihre Eltern Halt und Sicherheit erfahren und Respekt vor ihren Gefühlen und Bedürfnissen erleben.  

Ich höre den empörten Aufschrei der Eltern, die sich ungerecht behandelt fühlen, weil sie doch nicht ihren Kindern die Freiheit rauben, sondern sie nur zu anständigen Menschen machen wollen. Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass alle Eltern ehrenwerte Motive für ihre erzieherischen Untaten haben.

Ich weiß, dass alle Erwachsenen (also auch Eltern) das Glück eines Lebens in äußerer und innerer Freiheit erfahren möchten, und dass die Folgen des Mangels an innerer Freiheit viele zum Arzt oder Psychotherapeuten führen.

Wenn Sie als gutwillige Eltern ihrem Kind und den Krankenkassen viel Unbill ersparen möchten, lege ich Ihnen meine Tipps im Kapitel „Regeln“ ans Herz. Vielleicht ermöglicht Ihnen Ihre innere Freiheit, die Entwicklung Ihres Kindes zu einem sozial akzeptablen Mitmenschen konstruktiv zu unterstützen.

Ich habe oben von innerer und äußerer Freiheit gesprochen; aber wie frei ist eigentlich der Wille? Von der Existenz menschlicher Willensfreiheit auszugehen ist verständlich und wahrscheinlich brauchen die Menschen die Annahme von Willensfreiheit, um damit die Selbstverantwortlichkeit zu begründen, was wiederum die Voraussetzung für Schuldfeststellung und damit für Bestrafung ist. Das Gefühl, sich frei entscheiden zu können, ist sicher ein essentieller Teil des menschlichen Selbst-verständnisses. Ich halte Willensfreiheit aber für eine Illusion. Menschen handeln nach inneren aber individuell unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten. Weil diese meistens gar nicht bewusst sind und weil in der Regel viele Handlungsmöglichkeiten gesehen werden, wird an die freie Wahl der Entscheidung geglaubt. Erscheint eine Verhaltensentscheidung im Nachhinein falsch, wird jedoch oft die Frage gestellt: Hätte ich mich anders entscheiden können? (Oder hätte der Kriminelle eine Wahl gehabt?) Aber stellen wir einmal die Frage ganz anders: Wie frei sind Sie, sich für ein Verbrechen zu entscheiden? Empfinden Sie da nicht eine unüberwindliche innere Sperre? Und wenn es in dieser Hinsicht an Willensfreiheit fehlt, warum dann nicht genauso bei kriminellen Handlungen oder bei der Wahl der Tapete? Nebenbei: Die Annahme von Willensunfreiheit bedeutet nicht, auf persönliche und gesellschaftliche Konsequenzen zu verzichten!


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