5.3.12

ARTIG


Das Weihnachtsfest „steht vor der Tür“, und ich hatte letzte Nacht einen Traum:

Der Weihnachtsmann schüttete mir einen riesengroßen Sack voller Geschenke vor die Füße, lächelte mich mit einer Miene demütigender Nachsichtigkeit an und sagte: „Mein lieber Junge, Du warst im vergangenen Jahr immer so unartig; schäme Dich und verdiene Dir Deine Geschenke durch tätige Reue.“ Ich schämte mich nicht, warf die Geschenke aus dem Fenster und schwor mir, mich nie wieder bestechen zu lassen.

So mutig und charakterstark war ich im wirklichen Leben nie; das artige Kind in mir bedarf endlich der Bewältigung und das unartige Kind der Rehabilitation. Die folgenden Gedanken sind ein Ver-such in diese Richtung.                       

Der/die geneigte Leser/Leserin möge mir einen kleinen akademischen Exkurs erlauben: Was ist eine „Art“?

Der biologische Artbegriff ist definiert als eine Gruppe natürlicher Populationen, die sich untereinander paaren und fruchtbare Nachkommen hervorbringen können, während sie sich mit anderen Populationen nicht kreuzen. Der typologische Artbegriff geht auf Platon und Aristoteles zurück. Danach ist eine Art eine ideale Form, und individuelle Abweichungen von dieser Form sind nur ihr unvollkommener Ausdruck. Die morphologische Artdefinition stützt sich ausschließlich auf Beobachtungen:

Danach ist die Art eine Gruppe von Individuen, die einander ähneln und von anderen Gruppen durch größere Unterschiede in Aufbau und Form getrennt sind.

Der Weihnachtsmann kommt seit vielen Jahren Gott sei Dank nicht mehr mit der Rute – diese ist offiziell verpönt und wird deshalb nur noch heimlich benutzt. Ihre Abschaffung wurde deshalb möglich, weil einer breiten Elternschaft eine umfangreiche Palette von Printmedien und Fernsehsendungen (z.B. „Super Nanny“) zugänglich ist, in denen verfeinerte Methoden der pädagogisch-psychologischen Unterdrückung und Manipulation verbreitet werden. Nicht abgeschafft dagegen wurde die weihnachtsmännliche Frage aller Fragen an die Kinder: „Warst Du artig?“ Diese einfache Frage kann mit zwar inhaltslosen aber die Eindringlichkeit erhöhenden Füllwörtern beliebig ergänzt werden: „Warst Du (denn) (auch) (immer) (schön) artig?“ Jedes Kind beantwortet diese Frage ohne rot zu werden mit einem kräftigen oder ängstlich-verzagten „Ja“, weil sonst die Belohnung für Gehorsam (Geschenke) im Sack bleibt. Ein solches Kind kann man also gemäß obigen Definitionen als Artgenossen bezeichnen. Es ist also nicht aus der Art geschlagen, man kann es auch als gutartig bezeichnen, und da es sich im Laufe der Jahre großartig verbogen hat, wäre sogar die Bezeichnung Artist nicht völlig daneben. Wenn dieses Kind sich später paart und Nachkommen zeugt, ist dieser Vorgang im wahrsten Sinne des Wortes als arterhaltend zu bezeichnen, was zu einer Fortsetzung der traditionellen Lebensart (also zu einem arteigenen Verhalten) führt. So weit so gut.

Wie es aber meine Art als Psychologe ist, möchte ich mich im Folgenden mit einer völlig abartigen Variante kindlichen Verhaltens beschäftigen: Auf die Frage aller Fragen (s.o.) antwortet das Kind mit einem überzeugten und überzeugenden „Nein!“ Dieses Kind war und ist also unartig. Es weicht demnach von der Idealform ab (s. Platon und Aristoteles), und biologisch gesehen wird es sich mit den Artigen nicht kreuzen. Die Unartigen, manche bezeichnen sie auch als bösartig, sind also entartet (historische Assoziationen sind nicht intendiert) und bilden damit biologisch, typologisch und morphologisch eine eigene Art. Die pädagogisch-psychologische Artillerie ist an ihnen erfolglos vorübergegangen, was  in Relation zu den Artigen zu ausartenden Verhaltensstilen führt. Es gibt diese Unartigen wirklich, so dass niemand mir vorwerfen kann, ich würde mich mit einem gesellschaftlichen Artefakt beschäftigen. Diese Abart kindlicher Wesensart verdient meiner Ansicht nach Artenschutz, da dieser noch junge Zweig der Evolution zur Artenvielfalt beiträgt.

Dieser kleine philosophische Artikel ist ein Plädoyer an den Weihnachtsmann als Stellvertreter von Mami und Papi, auch kindliche Unarten - also das unartige Kind - zu würdigen, weil nur auf diese Art und Weise eine humane Gesellschaft entstehen kann, für die sich die Arterhaltung auch lohnt. 


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