Das Etikett „verhaltensauffällig“ oder auch „verhaltensgestört“ scheint für Kinder und Jugendliche reserviert zu sein. Diese Zuschreibungen werden sowohl als Diagnose als auch als Schimpfwort verwendet. Erwachsenen wird da schon eher die Ehre einer „psychischen Erkrankung/Störung“ zuteil.
Verhaltensstörungen gibt es nicht. Denn gestört ist niemals das Verhalten, sondern das auslösende innere Erleben. Zwischen diesem Erleben bzw. den Gefühlen gibt es einen ursächlichen logischen Zusammenhang: Das Verhalten ist der folgerichtige Ausdruck des Erlebens; und dieser ist individuell sehr verschieden. D.h. einem bestimmten Verhalten liegt niemals immer dasselbe innere Erleben zugrunde, und ein bestimmtes inneres Erleben hat nicht immer dasselbe Verhalten zur Folge. Wenn man also die Bedeutung eines Verhaltens verstehen will, muss man die zugrunde liegenden Gefühle/Motive kennen. „Verhaltensstörung“ ist also verbaler Müll und sollte deshalb nicht verwendet werden.
Anders ist es mit dem Begriff „Verhaltensauffälligkeit“. Hierzu ein paar grundsätzliche Aussagen:
1. Verhaltensauffälligkeiten sind keine Eigenschaft eines Menschen,
sondern die Wahrnehmungseigenschaft des Beobachters.
2. Nicht: „etwas ist auffällig“, sondern: „mir fällt etwas auf.“
3. Dies kann jedes Verhalten sein, und nicht notwendigerweise etwas
2. Nicht: „etwas ist auffällig“, sondern: „mir fällt etwas auf.“
3. Dies kann jedes Verhalten sein, und nicht notwendigerweise etwas
„Problematisches“.
4. Das als auffällig Wahrgenommene sagt immer etwas über den
4. Das als auffällig Wahrgenommene sagt immer etwas über den
Beobachter selbst aus (jedem Menschen fällt etwas anderes auf).
5. Das als auffällig Wahrgenommene muss man verstehen wollen,
5. Das als auffällig Wahrgenommene muss man verstehen wollen,
indem man sich um die Kenntnis des zugrundeliegenden
Erlebens bemüht.
Zu diesem Thema passt auch die Auseinandersetzung mit dem Begriff „normal“. Sie kennen sicher die Beschimpfung: „Du bist doch nicht ganz normal!“ Und Sie kennen auch die rhetorische Frage: „Was ist schon normal?“ Ich will es Ihnen sagen. Die Beantwortung dieser Frage hängt von dem verwendeten Normalitätsbegriff ab, von denen es mehrere gibt.
1. Der statistische Normalitätsbegriff
Wenn ein Verhalten in einer Gruppe, deren Mitglieder mindestens ein gemeinsames Merkmal aufweisen (Frauen, Deutsche, Weiße, 30-Jährige, Rocker) mehrheitlich zu beobachten ist (das ist jetzt wissenschaftlich nicht ganz korrekt ausgedrückt), dann ist dieses Verhalten innerhalb dieser Gruppe normal. Das ist also eine statistische ausgezählte Tatsache und unabhängig davon, ob Außenstehende das für richtig oder falsch halten oder Innenstehende das für wünschenswert halten oder nicht.
2. Der egozentrische Normalitätsbegriff
1. Der statistische Normalitätsbegriff
Wenn ein Verhalten in einer Gruppe, deren Mitglieder mindestens ein gemeinsames Merkmal aufweisen (Frauen, Deutsche, Weiße, 30-Jährige, Rocker) mehrheitlich zu beobachten ist (das ist jetzt wissenschaftlich nicht ganz korrekt ausgedrückt), dann ist dieses Verhalten innerhalb dieser Gruppe normal. Das ist also eine statistische ausgezählte Tatsache und unabhängig davon, ob Außenstehende das für richtig oder falsch halten oder Innenstehende das für wünschenswert halten oder nicht.
2. Der egozentrische Normalitätsbegriff
In diesem Fall wird das Normale durch ein Individuum (normal ist, wie ich bin) oder durch eine Gruppe (normal ist, wie wir sind) definiert. Dieser Normalitätsbegriff ist potentiell gefährlich, wenn das eigene Verhalten/die eigenen Eigenschaften als höherwertig angesehen werden und daraus geschlussfolgert wird, das „Minderwertige“ müsse vernichtet werden. U.a. verwendeten und verwen-den Nazis diesen Normalitätsbegriff mit den bekannten furchtbaren Folgen.
3. Der ideologische Normalitätsbegriff
Eine Idee, ein Ideal liegt diesem Normalitätsverständnis zugrunde. Normal ist, was so ist, wie es sein sollte. (Nur absolute Ehrlichkeit, ein perfekt gepflegter Rasen oder der kommunistische neue Mensch sind normal). Dieser Normalitätsbegriff kann gemeingefährlich werden, wenn ein Individuum/eine Gruppe die eigene Idee/Ideologie mit Gewalt verbreiten will. Die harmlose Variante sind Menschen, die andere missionieren wollen. Der ideologische Normalitätsbegriff ist nicht alltagstauglich. Es soll Menschen geben, die sich ein Leben lang den Arsch aufreißen, um ideal – also in ihrem Sinne normal – zu werden. Das gelingt genauso wenig wie die weltanschauliche Missionierung oder ideologisch motivierte Veränderung von Menschen.
Liebe Leserin, lieber Leser, jetzt sind Sie in der Lage, jedes Verhalten als normal oder unnormal zu klassifizieren, wenn Sie Statistiken kennen oder sich selbst oder Ihre Ideale zum Maßstab nehmen.
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