5.3.12

GESCHICHTEN ÜBER CARL (autobiographisch)



CARL KAUFT EINEN KÜHLSCHRANK


Carl verbrachte als 10-Jähriger mal wieder seine Ferien in Ulm bei Onkel Hans und Tante Elfriede. Da auch Onkel Hans Urlaub hatte, fand jeden Vormittag das gleiche Ritual statt: Die beiden Männer spazierten ins nächste Restaurant, in dessen Garten Blumen, Pflanzen und Bäume um die Wette wucherten. Dort gab es einen Schoppen Weißwein für Onkel Hans, einen Schoppen gelbe Brause für Carl und für jeden eine Brezel. Der Rückweg führte beide (un)glücklicherweise an einem Spielzeuggeschäft vorbei, an dessen Fensterscheibe sich Carl die Nase platt drückte. Eines Tages entdeckte er einen kleinen Kühlschrank aus Holz, der wohl für ein größeres Puppenhäuschen gedacht war; und plötzlich entstand in Carls Kopf eine originelle aber teuflische Idee. Es muss vorausgeschickt werden, dass im Jahre 1956 noch nicht in jedem Haushalt ein Kühlschrank zu finden war, was auch für Carls Eltern galt. Er unterbreitete Onkel Hans den Vorschlag, diesen kleinen Puppenstubenkühlschrank nach Hause zu schicken, und zwar verpackt in einem Riesenpaket, das von der Größe her durchaus einen echten Kühlschrank beinhalten könnte. Vorher wollte Carl einen Brief an seine Eltern schreiben, in dem er einen (echten) Kühlschrank ankündigte, den Onkel Hans als Schnäppchen erworben hätte. Dieser nun fand den Scherz ausgesprochen lustig – Onkel Hans war immer für jeden Scheiß zu haben – und der Plan wurde noch am selben Tag in die Tat umgesetzt.

Carl schrieb den Brief, und um seinen Eltern einige Tage Vorfreude zu gönnen, wurde das riesengroße aber federleichte Paket fünf Tage später abgeschickt. Als Carl am Ende der Sommerferien wieder bei seinen Eltern eintrudelte, hatte er den ganzen Spaß schon fast wieder vergessen. Er war völlig verdattert, als seine Eltern ihn ganz besonders herzlich umarmten und abknutschten und sich für den „wunderbaren Kühlschrank“ bedankten. Er staunte nicht schlecht, als er in der Küche einen großen, neuen, echten Kühlschrank sah.

Was war passiert? Carls Eltern hatten die briefliche Ankündigung ernstgenommen, sein Vater hatte umgehend die Küche umgebaut, um Platz für den neuen Kühlschrank zu schaffen, und in großer Vorfreude war das neue Luxusgerät erwartet worden. Nun traf stattdessen der Puppenkühlschrank ein. Carls Eltern stellten ihn in die durch den Umbau vorbereitete Lücke und wussten nicht, ob sie heulen oder lachen sollten. Da der Küchenumbau nicht mehr rückgängig zu machen war, blieb Carls Eltern nichts anderes übrig, als tief in die Tasche zu greifen und einen richtigen Kühlschrank zu kaufen, obwohl sie sich den gar nicht leisten konnten. Carl schämte sich.

Einen Tag später bekam er ungewollt mit, wie seine Mutter ihren Bruder Hans telefonisch zur Sau machte – er hätte als erwachsener Mensch schließlich wissen müssen, dass er mit diesem Scherz möglicherweise auf dem Geldbeutel, mindestens aber auf den Gefühlen der Empfänger rumtrampeln würde. Carls schlechtes Gewissen löste sich auf: Onkel Hans hatte schuld.

                                                                    

CARL TRÄGT BESONDERE KLEIDUNG


Gibt es sowas wie ein „Outfit-Trauma/-Drama“? Carl bekam als 9-Jähriger von seiner Mutter einen handgestrickten Pullover; so weit so gut. Leider gab es dabei einen Haken: Carl hatte das Muster – ein ca. 10 cm breiter mehrfarbiger Streifen von der einen Schulter über die Brust bis zur anderen Schulter auf grauem Grund – schon mal bei einem Mädchen gesehen. Also empfand er diesen Pullover als scheußlich mädchenhaft und wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, diesen Pullover tragen zu müssen; erfolglos. schließlich hatte sich seine Mutter sehr viel Mühe gegeben und noch schlimmer: Sie wollte unbedingt, dass ihr Sohn nicht wie alle anderen gekleidet war. Ein solcher Gedanke ist einem älteren Kind bis ans Ende der Pubertät nicht nur fremd sondern zuwider. Ein einmaliges Erlebnis dieser Art wäre ja für Carl ohne Spätschäden zu verkraften gewesen, aber zwei Jahre später passierte dies: Carl wollte unbedingt eine Pudelmütze haben mit einem großen Pudel – so wie die anderen Jungs auch. Und Carls Mutter strickte. Nach drei Tagen präsentierte sie ihrem Sohn stolz das Ergebnis und fiel aus allen Wolken, als dieser ein hysterisches Geschrei anfing: „Das Scheißding trage ich nicht!“ Die Mütze als solche war ja ganz in Ordnung, aber der Pudel… Das war kein Pudel, sondern der erigierte Penis irgendeines Kleintieres: drei Zentimeter lang, rund mit einem Durchmesser von einem Zentimeter und ganz steif. Hatte Carls Mutter aus der Pulloverarie nichts gelernt? Einige Zeit schwankte Carl hin und her zwischen dem Gefühl, seine Mutter nicht kränken zu wollen (er hatte schon immer ein sensibles Gewissen gehabt) und der Scham gegenüber den anderen Kindern. Also setzte er die Mütze auf, wenn seine Mutter es sah und sie wieder ab, wenn er außer Sichtweite war.

Dieses zweite Erlebnis erreichte nun schon hinsichtlich der weiteren Entwicklung von Carl die Bedenklichkeitsgrenze. Aber es kam noch schlimmer: Als Carl 14 Jahre alt war, bekam er zum Geburtstag eine lederne Knickerbockerhose. So ein Stück hatte er noch nie gesehen und erst recht nicht bei seinen gleichaltrigen Mitmenschen, von denen dieses Ding auch noch als „Ködelfängerhose“ veralbert wurde. Vom Preis her war dieses sogenannte Kleidungsstück zweifellos ein Luxusgegenstand. Einige Wochen ertrug Carl unendliche Qualen der Peinlichkeit: In seiner Fantasie sah er nur heimlich grinsende und feixende Mitmenschen. Zur Enttäuschung seiner Mutter war Carl nicht länger bereit, sich zum Affen zu machen und als lebende Demonstration rumzulaufen, dass er ein relativ gut betuchtes und auf Originalität bedachtes Elternhaus habe; und dann verschwand die Hose endgültig im Kleiderschrank, denn Carls Widerstandskraft hatte eine gute Entwicklung genommen. Er schwor sich, im ganzen Leben nie mehr outfitmäßig unangenehm aufzufallen.


CARL FÜHLT SICH VERLETZT


Seit seiner frühen Kindheit spielte Carl Akkordeon – gern und ganz freiwillig. Er war zwar völlig unmusikalisch, aber er konnte Noten lesen und war ein guter Techniker. Neben dem Geschäft seines Vaters – Kaffee, Tee, Konfitüren, Spirituosen – hatte ein gewisser Willi H. ein Akkordeongeschäft, leitete ein Orchester und ließ Unterricht erteilen. Als Carls Fähigkeiten weit genug gediehen waren, durfte er im ersten von drei Orchestern (für die Kleinen) mitspielen, machte Karriere und war im Alter von 16 Jahren ein gefragter Solist und Mitspieler im Orchester der Großen und Fortgeschrittenen. In diesem spielte nun auch ein liebreizendes Mädchen mit, in das sich Carl auch prompt verliebte. Auf Grund von Carls genetisch bedingter Schüchternheit dauerte es allerdings einige Monate, bis er allen Mut zusammennahm und besagtes Mädchen namens Renate fragte, ob sie mal mit ihm ausgehen wolle, z.B. ins Kino gehen. Renate sah ihn desinteressiert an und meinte: „Langweilen kann ich mich auch mit jemand anders.“ Das saß! Renates Reaktion traf genau ins Schwarze, denn nach Carls Selbsteinschätzung war er doch eher ein langweiliger Typ, der immer die anderen Jungs beneidet hatte, die unterhaltsam und witzig waren, immer einen lockeren Spruch drauf hatten und in den Augen der Mädchen einfach interessanter waren. Wenn einem wie Carl in der Pubertät nichts oder nur Tiefsinniges einfällt, kann man bei den Mädchen nicht punkten.

Als Carl 40 Jahre alt war – die Kunst der unterhaltsamen Konversation hatte er inzwischen gelernt – begegnete ihm Renate in einer Live-Musik-Jazz-Kneipe. Nach den üblichen erstaunten und überraschten Begrüßungsfloskeln schleppte Carl Renate an den Tresen und sagte, er habe mit ihr noch ein Hühnchen zu rupfen. Als sie erfuhr, was sie ihm seinerzeit angetan hatte, war sie völlig perplex und voller (geheucheltem) Mitleid. „Mein lieber armer Carl, ich stehe zutiefst in deiner Schuld – das ist ja kaum wieder gut zu machen.“ Carl überlegte kurz und sagte: „Mit einem großen Bier wäre deine Schuld beglichen.“ Nach einer halben Stunde verabschiedete sich Renate und meinte (schmunzelnd aber ehrlich), sie habe sich ausgezeichnet unterhalten gefühlt. Mit diesem Kompliment hatte sie ihre Schuld wirklich beglichen.



 CARL SAGT EIN WEIHNACHTSGEDICHT AUF


Im Alter von 5 Jahren konnte Carl ein besonderes Weihnachtsgedicht aufsagen, worauf er mächtig stolz war und seine Mutter sowieso: „Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!/Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee…“ 1951 gab es in Hamburg das sogenannte „Haus Vaterland“, ein Ort für kulturelle Veranstaltungen aller Art. So gab es auch eine vorweihnachtliche Veranstaltung für Kinder mit ihren Eltern. Carl und seine Mutter waren dabei. Längere Zeit geschah nichts Böses, aber dann brach das Übel über Carl, diesen schüchternen Jungen, herein in Form eines Schwarms junger Mädchen mit weißen Kleidern und angehefteten Engelsflügeln, die die 5-6-jährigen Kinder auf die Bühne schleppten. Und Carl war zu schwach zur Gegenwehr. Als die Opfer alle versammelt waren, mussten sie sich in einer Reihe aufstellen und einer der Engel fragte die Kinder scheinheilig, ob sie denn auch ein Weihnachtsgedicht aufsagen könnten. Carl empfand die Frage als Bedrohung, sein Herz klopfte bis zum Hals – so musste sich Todesangst anfühlen; aber er nickte natürlich, weil alle Kinder nickten. Und nun ging es los. Carl stand von dem Kind, das beginnen musste, fünfzehn Kinder entfernt und nutzte die Zeit, bis er drankommen würde, um sein gelerntes Gedicht still zu rekapitulieren: „Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen…“ Mit halbem Ohr machte er aber eine schreckliche Entdeckung: Die ersten fünf Kinder trugen alle dasselbe Gedicht vor: „Lieber guter Weihnachtsmann…“ Nun tobte das Chaos in Carls Kopf; er hatte ein besonderes Gedicht gelernt, mit dem er aber wohl aus der Reihe tanzen würde, und das wollte Carl um keinen Preis. Als sich Carl das Gedicht ca. elfmal angehört hatte, konnte er das auch auswendig und stellte sein Programm um. Er hatte noch drei Kinder lang Zeit und hörte überhaupt nicht das Gelächter im Publikum, wenn schon wieder dasselbe Gedicht ertönte. Und nun war Carl dran: „Lieber guter Weihnachtsmann/schau mich nicht so böse an…“ Und dann passierte, was passieren musste: Carl hatte nach der zweiten Zeile einen Hänger, er trampelte dreimal laut mit dem rechten Fuß auf den Boden und schrie verzweifelt: „Na!...Na!...Na!...“ Aber er kam nicht weiter. Alles verschwamm vor seinen Augen, und er hörte wie aus weiter Ferne einen Engel sagen: „Kannst du nicht ein anderes Gedicht, wir haben das doch jetzt schon so oft gehört.“ Carl blickte zu seiner Mutter, ein stummer Hilfeschrei; er sah den aufmunternden, anfeuernden Blick seiner Mutter, erkannte die rettende Idee und konzentrierte sich – so musste sich der innere Tunnel bei Hochleistungssportlern kurz vor dem Wettkampf anfühlen. „Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen…“ Carl brachte das Gedicht ohne Hänger zuende, er hörte den tosenden Beifall des Publikums und war mächtig stolz… und seine Mutter sowieso.


 
CARL PRÜGELT SICH


 Carl war schon im Vorschulalter sprachlich ziemlich fit. Angeborenes Talent und elterliche Förderung trugen also schon früh Früchte. Die Sache hatte aber auch eine andere Seite: Von seiner Mutter wurde Carl von Beginn an die Devise eingetrichtert: „Wenn dich jemand angreift, wehre dich mit Worten und nicht mit den Fäusten!“

Auch die Straße, in der Carl aufwuchs, hatte zwei Seiten; auf der sogenannten Villenseite wohnte die bildungsorientierte Mittelschicht und andere Leute, die sich für etwas Besseres hielten, auf der Wohnblockseite wohnten die sogenannten einfachen Leute, also die bildungsmäßigen Underdogs. Die Eltern beider Seiten wollten den sozialen Klassenkampf auch über ihre Kinder führen, indem sie ihnen verboten, mit den Kindern der jeweils anderen Seite zu spielen. Die Kinder hielten sich aber nicht daran, sondern praktizierten fröhlich die soziale Vermischung. Carls Eltern hatten nie ein Verbot ausgesprochen, aber doch ihr sozialelitäres Bewusstsein mit dem Hinweis zum Ausdruck gebracht: „Prügel dich nicht wie die da drüben.“ Carl konnte sich also mit Worten wehren und entwickelte ein umfangreiches verbales Waffenarsenal; er musste jedoch sehr häufig die schmerzhafte Erfahrung machen, dass man mit Worten gegen Fäuste nichts ausrichten kann; je mehr er verbal austeilte, desto mehr musste er physisch einstecken. Manfred von der Wohnblockseite war ein Siegertyp. Er galt unter den Jungs, die noch nicht die Pubertät erreicht hatten, als der Stärkste, und bei allen Kinderspielen wurde gemacht was er sagte.

Manfred hatte nur Freunde; die einen waren es aus neidvoller Bewunderung, die anderen aus Angst. Carl hatte also vom Alphatier Manfred schon viel Prügel bezogen und sich verbal gewehrt. Eines Tages muss das Fass übergelaufen sein: Bei irgendeinem nichtigen Anlass vergaß Carl sein gesamtes Vokabular und drosch mit der Kraft und dem Mut lange aufgestauter Wut und Verzweiflung auf Manfred ein. Bevor der merkte, dass hier Unglaubliches geschah, waren schon andere Kinder herbeigeeilt, die ihren Augen nicht trauten und eine Sensation witterten. Manfred hatte inzwischen den Kampf angenommen. Die Feiglinge stellten sich auf seine Seite, weil sie die spätere Rache fürchteten, die Mutigen der Unterdrückten feuerten Carl an, weil sie froh waren, dass mal jemand tat, wonach sie sich schon immer gesehnt hatten.

Die Prügelei war also richtig schön im Gange, als Carl aus dem Augenwinkel sah, dass seine Mutter am Fenster stand (natürlich auf der gegenüberliegenden Villenseite) und ihn mit Gesten anfeuerte. In Carls Kopf entstand kurzzeitig ein Tohuwabohu; war das wirklich seine Mutter, die ihm immer gepredigt hatte, er solle sich mit Worten wehren und auf keinen Fall prügeln? Als Carl sich sicher war, dass seine Mutter innerhalb von wenigen Sekunden ihr ganzes Wertesystem auf den Kopf gestellt haben musste, entfalteten sich ungeahnte Kräfte. Der Kampf endete unentschieden. Manfred stellte ab sofort seine Schikanen gegenüber Carl ein, und dieser beendete seine Verbalattacken. Von seiner Mutter wurde Carl anschließend überschwänglich gelobt, aber der Grund dafür blieb ihm immer ein Rätsel.



CARL ERFÄHRT EIN GEHEIMNIS



Carl hatte im Alter von 6 Jahren eine feste Freundin: Hella. Beide führten die Charts der Klassenbesten während der Grundschulzeit an, sie spielten Akkordeon im selben Orchester und gaben zweimal im Jahr ein Privatkonzert für die Eltern und deren Freunde. Die nicht unerklecklichen Einnahmen wurden dann gemeinsam in Schleckereien umgesetzt. Sie waren also ein Herz und eine Seele und sich in allen Belangen durchaus ebenbürtig. Aber irgendwie hatte Carl immer das Gefühl, dass Hella mehr über das Leben und die Geheimnisseeines Tages auf dramatische Weise bestätigen.

Beide waren 7 Jahre alt. Carl war das farbliche Design (blau – weiß) der Verpackung von Tempo – Taschentüchern durchaus vertraut. Im Badezimmer hatte er auch mal eine recht große Packung mit ähnlichem Design gesehen und der Aufschrift „Camelia“; er hielt das also für eine besonders große Packung Tempo- Taschentücher. Es hatte sich ergeben, dass Hella einen kleinen Einkauf für ihre Mutter in einer Drogerie zu erledigen hatte, wobei Carl sie begleitete. Der Laden war voll, und die beiden mussten lange warten. Als Hella drankam – der Laden war immer noch voll – verlangte sie von der Verkäuferin mit flüsternder Stimme eine Packung „Camelia“. Carl fragte sie laut, warum sie denn so flüstere, wenn sie Tempo – Taschentücher kaufen wolle. Hella war peinlich berührt und sagte ungewollt laut: „Camelia sind keine Taschentücher!“ Carl widersprach nun seinerseits heftig: „Natürlich sind das Taschentücher!“ Es entspann sich zwischen Carl und Hella ein heftiger Disput um Recht – und Unrechthaben. Was sollte denn „Camelia“ anderes sein als Taschentücher? Die überwiegend weibliche Kundschaft in der Drogerie hatte den Streit mit unverhohlener Heiterkeit verfolgt. Einige Kundinnen gaben Carl sogar recht, wahrscheinlich um zu vermeiden, dass dem kleinen Carl öffentlich erklärt werden müsste, dass es sich bei „Camelia“ um Damenbinden handeln würde.

Der Einkauf war erledigt, aber Carl ließ die Sache keine Ruhe. Am Nachmittag saß er mit Hella auf der Außentreppe zum Hauseingang und fragte Hella penetrant, was denn „Camelia“ sei, wenn nicht Tempo – Taschentücher. Irgendwann hatte sie von dieser Löcherei die Schnauze voll und sagte unwirsch, um endlich ihre Ruhe zu haben: „Das binden sich die Frauen um den Arsch.“ Carl stand unter Schock. In seiner Phantasie setzte sich ein entsprechendes Bild fest, aber er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, warum die Frauen das denn taten. Aber danach konnte er jetzt nicht fragen, er war sprachlos und hatte auf eine lähmende Weise das Gefühl, zum Geheimnisträger, zum Mitwisser eines Mysteriums gemacht worden zu sein.

In diesem Moment betrat Carls Mutter den Vorgarten und kam langsam auf die beiden Kinder zu. Carl hatte den Gesichtsausdruck, den er immer hatte, wenn ihn ein schlechtes Gewissen umtrieb; schließlich wusste er nun etwas, was er eigentlich nicht wissen durfte. Und er sah seine Mutter an, als ob er durch ihre Kleidung und Unterwäsche hindurchsehen könnte. Doch Gott sei Dank hatte Carls Mutter den inneren Zustand ihres Sohnes nicht bemerkt, weil sie ihre Aufmerksamkeit auf Hella gerichtet hatte, seine Freundin, die so viel über die Geheimnisse der Erwachsenen wusste.



 CARL ERLEBT EINEN BAUERNHOF


In seiner Kindheit verbrachte Carl viel Zeit bei seiner Verwandtschaft auf dem Bauernhof in Tetenhusen. Er liebte diese Tage und Wochen, obwohl – oder wahrscheinlich weil – er sich Kost und Logis durch aktive Mitarbeit verdienen musste/durfte. So lernte er viele nützliche Dinge: Trecker fahren, Kalb entbinden, Kühe melken, Hühner für die Suppe töten, Ernten aller Art einfahren, Viecher aller Art füttern, Obst aller Art pflücken, Stall reinigen, Pferd aufsatteln; und vor allen Dingen lernte Carl „Scheiß machen“.

Bei Onkel Peter-Max und Tante Christa war es üblich, dass die Hühner auf dem Hof zum Eierlegen animiert wurden, indem an verschiedenen Stellen Gipseier ausgelegt wurden. Da es auch zu Carls Aufgaben gehörte, die Eier einzusammeln, stellte er sich die Frage, wie er denn die künstlichen und die echten Eier unterscheiden könnte. Also warf er sie hoch in die Luft und erhielt die Antwort bei der Landung auf dem Boden. Diese Testreihen kamen allerdings bei Tante Christa überhaupt nicht gut an und hatten zur Folge, dass Carl so lange weder Frühstücksei noch Spiegelei bekam, bis er den Schaden durch erzwungenen Verzicht wieder gut gemacht hatte.

Carl hatte beobachtet, dass es zwischen Hühnern und Schweinen keine harmonische Beziehung gab. Die ersteren hatten Angst und die letzteren immer Hunger. Also fand Carl es ganz besonders spannend und aufregend, Hühner in den Schweinestall zu jagen und zuzuschauen, wie die einen grunzend zuschnappten und die anderen gackernd um ihr Leben flatterten. Als Carl das erste Huhn, das wohl durch Panik einen Herzschlag erlitten hatte, Tante Christa übergab und sich für den nächsten Tag eine Hühnersuppe wünschte, kam das auch gar nicht gut an, denn Tante Christa hatte Carls Aktion aus dem Küchenfenster mitbekommen, wurde aber vom Telefon abgelenkt, bevor sie eingreifen konnte.

Carl hatte eine Freundin namens Annette in dem Dorf, die auch am Scheißmachen sehr interessiert war. Diese wiederum kannte ein Mädchen aus dem Dorf, das geistig als nicht besonders helle galt und deswegen ein geeignetes Opfer war. Da am Sonntag immer gebacken wurde, konnte von Carl leicht roher Kuchenteig entwendet werden, in den er und Annette einen zerkleinerten Pferdeapfel einwickelten und dem Opfer anboten. Die Reaktion beim Reinbeißen hat die beiden sehr entzückt. Annette und Carl hatten herausgefunden, dass ihr Lieblingsopfer unter ihrem Kleidchen keine Unterhose trug. Im Garten gab es eine Wäschestange, die für Turnübungen in Form von Aufschwung und Rolle sehr geeignet war. Für die beiden Kinder war es ein diebisches Vergnügen, ihr Opfer zu entsprechenden Übungen zu animieren.

Carl war eigentlich kein Mörder. Das große Scheunentor schien der Lieblingsplatz von Hunderten von Fliegen zu sein, und Carl empfand das makabre Bedürfnis, das Tor von diesen Tierchen zu befreien. Als er einige hundert Fliegen getötet hatte, gestaltete er liebevoll ein Massengrab mit Grabhügel, Blumen, Stein und Kreuz. Er hatte das befriedigende Gefühl, damit seine Opfer geehrt und ihnen hinreichend Respekt gezollt zu haben. Im Laufe der Ferien entstanden mehrere Massengräber.

Eines Tages entdeckte Carl, dass man aus Kastanien und Strohhalmen sehr gut Pfeifen herstellen konnte, die dann mit Tabak aus weggeworfenen Zigarettenstummeln gestopft wurden. Da heimlich geraucht werden musste, ging das nur in einem geeigneten Versteck. Carl suchte sich dafür den Heuboden aus. Als ihm einmal beim Anzünden das brennende Streichholz aus der Hand fiel, konnte er gerade noch das Abbrennen des gesamten Hauses verhindern. Als Carl als erwachsener Mann mal wieder Tetenhusen besuchte und mit Onkel Peter-Max reichlich Schnaps gesoffen hatte, beichtete er diesen „Scheiß“. Onkel Peter-Max wurde richtig blass.

Carl ist ja nun inzwischen Diplom-Psychologe und Diplom-Pädagoge geworden und hat in der Fach – und Laienliteratur einiges über kindliche Bildung gelesen. Aber den Bauernhof als beste Bildungsanstalt für das wirkliche Leben hat er nirgends ausreichend gewürdigt gesehen.


 

CARL LERNT ETWAS ÜBER GOLDHAMSTER


Carl war mal als 11-Jähriger mit seinen Eltern in Kaiserslautern bei entfernten Verwandten. Das einzig Interessante für ihn war, dass in der Familie eine ganze Herde Goldhamster lebte. Er war von den possierlichen Tierchen so hingerissen, dass er ein Pärchen geschenkt bekommen sollte vorbehaltlich der elterlichen Zustimmung. Carl brauchte ein ganzes Wochenende, um den elterlichen Widerstand zu brechen. Als er das hundertste Mal versprach, die alleinige!!! Verantwortung für Futter und Käfigreinigung zu übernehmen (andernfalls würden die „Viecher geschlachtet“), hatte Carl es geschafft. Zuhause wurde ein ausrangierter relativ großer Vogelkäfig als Provisorium eingerichtet.

Die schon beim Transport getrennten Tiere mussten nach dem Willen von Carls Eltern auch im Käfig getrennt werden, weil umfangreicher Nachwuchs deren Toleranzgrenze überschritten hätte. Als Trenngitter diente ein Maschendraht. Am nächsten Morgen lag das Pärchen vereint, friedlich und intim nebeneinander, der Maschendraht war von unten her aufgewickelt worden. So lernte Carl etwas über die Macht sexueller Anziehungskraft. Nach einigen Tagen bemerkte er, dass der eine Hamster hintenrum immer dicker wurde und hielt dieses für ein untrügliches Zeichen, dass Nachwuchs zu erwarten sei. Nach dem Studium einer „Gebrauchsanweisung für das Halten von Goldhamstern“ wurde ein zweiter Käfig angeschafft, damit die werdende Mutter ihre Ruhe hatte. Und eines Tages traute Carl seinen Augen nicht: Im Käfig des „Männchens“ lagen dreizehn Hamsterbabys. Da Carl alt genug war zu wissen, dass Männer keine Kinder kriegen können, musste das Rätsel irgendwie gelöst werden. In der besagten Gebrauchsanweisung las Carl, dass sich bei Männchen ein Fettpolster hintenrum entwickelt, was er für den dicken Bauch einer Schwangeren gehalten hatte. Es war also doch kein „Wunder“ geschehen. Angesichts des süßen Nachwuchses, der ziemlich schnell heranwuchs, hatte sich aber eine wundersame Wandlung in der Haltung von Carls Eltern eingestellt, und sein Vater sprang sogar so weit über den eigenen Schatten, dass er einen Käfig für die neue Großfamilie baute: Auf einer ca. 1x1m  großen Sperrholzplatte prangte ein den Schwarz-waldhäuschen ähnliches Holzgebäude mit umlaufendem Balkon, mehreren Fenstern und in brauner und roter Farbe angestrichen. Auf dem Gelände gab es eine Wippe und ein Laufrad. Über die ganze Anlage wurde eine würfelförmige Haube aus Maschendraht, die unten umlaufend mit zwei Holzleisten eingefasst war und eine Größe von ca. ½ m3 hatte, gestellt – zu schwer, um von den Hamstern hochgehoben zu werden.

Aber Carl lernte in der folgenden Nacht etwas über den Freiheitsdrang und die Schärfe der Zähne von Nagetieren. Mitten in der Nacht wachte er auf, weil ein Hamster damit beschäftigt war, seine Haare in die Backentaschen zu stopfen, andere Tiere schienen hinter einem Schrank die Tapete aufzurollen, wiederum andere kippten lose stehende Leisten (Reste vom Käfigbau) um, und einige hangelten sich an der Gardine hoch. Carl war den Rest der Nacht damit beschäftigt, die Ausreißer wieder einzusammeln. Wie konnte das passieren? Die Nager hatten die untere Holzleiste durchgenagt und dann den freigelegten Maschendraht soweit aufgerollt, dass sie hindurch schlüpfen konnten. Nach der Reparatur und einer Stabilisierung mit dickem Draht glaubte Carl, in Zukunft seine Ruhe zu haben. Weit gefehlt: Als nachtaktive Tiere veranstalteten sie in jeder Nacht einen solchen Lärm, dass Carl beschloss, die Tiere zu verschenken und nur das Männchen zu behalten, das dann in den ausgedienten Vogelkäfig umziehen musste. Die Eltern waren glücklich und Carl konnte wieder ungestört schlafen – als Single würde der Hamster wohl keine Lust haben, nachts Randale zu veranstalten.

Solange da fünfzehn Tiere herumgetobt waren, war Carl gar nicht auf den Gedanken gekommen, ihnen Namen zu geben, aber nun wurde das Männchen auf den Namen „Max“ getauft. Mit Max hatte Carl viel Freude, es machte ihm Spaß, ihn zu verwöhnen, und Max durfte auch oft frei in der Wohnung herumlaufen. Er wurde dann weniger gesehen, aber umso mehr gehört; z.B. beim Aufrollen der Tapete hinter den Schränken, oder durch einen dumpfen Plumps, wenn er die Gardine hochgeklettert war und von oben herunterfiel. Eines Tages hatte er sich über eine offen herumliegende Tafel Schokolade hergemacht und einige Stücke nach Hamsterart in seinen Backentaschen verstaut. Durch die Körperwärme wurde die Schokolade flüssig, und Max bemühte sich vergeblich, dieses klebrige Zeug aus den Backentaschen herauszustreichen. Was tun? Carls Vater schnappte sich das verzweifelte Tier, ging mit ihm zum Waschbecken, drückte die flüssige Schokolade mit Zeigefinger und Daumen aus den Backentaschen und spülte die aus dem Maul austretende Masse unter laufendem Wasser weg.

Max gehörte inzwischen zur Familie. Eines Tages machten Carl und seine Eltern einen dreitägigen Wochenendtrip an die Ostsee. Max war mit ausreichend Futter versorgt worden. Als die Familie am Sonntagabend wieder zuhause eintrudelte, machte Carl eine grausige Entdeckung: Max hatte sich mit seinem rechten Hinterbein in den oberen Traljen des Vogelkäfigs verfangen und hing dort mit dem Kopf nach unten. Durch sein Körpergewicht hatte er sich nicht befreien können. Er war mausetot. Carl stand unter Schock. Er stellte sich die Qualen des Tieres vor und weinte herzzerreißend. Carl war ein hypersensibler und extrem mitleidsfähiger Junge, dem das Leid von Kreaturen aller Art in besonders tiefer Weise naheging; er machte sich auch Vorwürfe: hätte er wissen müssen, dass ein Vogelkäfig für Hamster nicht unbedingt geeignet ist? Am folgenden Tag wurde Max würdevoll beerdigt und alle Spuren seiner Existenz beseitigt. Carl beschloss, nie wieder die Verantwortung für ein Tier zu übernehmen.


CARL TUT SO ALS OB...


Als Carl die 3. Klasse der Grundschule besuchte, hatte es eines Tages eine Hausaufgabe gegeben: es sollte ein kurzer Aufsatz über das Leben der Bienen angefertigt werden als eine Zusammenfassung des Unterrichts über dieses Thema. Entweder war Carl zu faul oder vergesslich – jedenfalls hatte er die Aufgabe nicht erledigt. Als die Stunde der Wahrheit begann, schoss Carl diese Tatsache siedend heiß durch den gesamten Körper, aber anstatt auf die Frage der Lehrerin, ob irgendjemand die Aufgabe nicht gemacht habe, sich ehrlich zu melden, hüllte er sich mit rotem Kopf in Schweigen und hoffte inständig, seinen Aufsatz nicht vorlesen zu müssen, aber er hörte sehr aufmerksam zu, was die anderen Kinder so zu bieten hatten.

Carl konnte nicht nur gut zuhören, sondern er hatte auch ein ausgezeichnetes Gedächtnis für verbale Informationen. Das machte er sich jetzt zunutze. Ungefähr zehn Kinder hatten mittlerweile ihre Aufsätze vorgelesen, und Carl wusste jetzt nicht nur alles über Bienen, sondern er hatte auch das Feedback der Lehrerin über gute/richtige und schlechte/falsche Textpassagen der anderen Kinder gespeichert. „Und zuletzt möchte ich gern noch den Aufsatz von Carl hören – bitte, lies mal vor, was du geschrieben hast.“ Carl hatte diese Katastrophe auf sich zukommen sehen, aber er war vorbereitet und trotz einer extremen Adrenalinausschüttung fühlte er sich gefasst und hoch konzentriert. Er nahm sein Heft, in dem nichts stand, vor das Gesicht, wandte sich etwas zur Seite, damit die schräg hinter ihm stehende Lehrerin das leere Heft nicht sehen konnte, und legte los. Er las seinen „Aufsatz“ über das Leben der Bienen flüssig vor und verarbeitete dabei alles, was bei den vor ihm dran gewesenen Kindern auf positives Echo gestoßen war. Nach einigen Minuten der höchsten Anspannung war Carl fertig (in des Wortes doppelter Bedeutung), schloss sein Heft und legte es beiseite. Die Lehrerin lobte ihn überschwänglich, fand kein Haar in der Suppe und erdreistete sich, von Carl das Heft zu erbitten, weil sie der Klasse einige besonders gelungene Passagen als beispielhaft noch einmal selbst vorlesen wollte. Carl war ertappt. Er konnte nicht entscheiden, ob die Lehrerin verärgert über seine Schummelei oder voller Bewunderung für seine intellektuelle Leistung war. Jedenfalls musste er die Aufgabe nachholen und am folgenden Tag vorlegen. Die Lehrerin las den Aufsatz durch und meinte, der gestrige Text sei besser gewesen. Hatte Carl ein leichtes Augenzwinkern gesehen?



 CARL LERNT FOTOGRAFIEREN



Carls Vater besaß eine „Box“. So hieß der Fotoapparat im Mittelformat 6x9, an den sich nur die Alten und sehr Alten noch erinnern werden. Carl hatte schon als 5-Jähriger großes Interesse an diesem tollen Kasten und wollte unbedingt fotografieren lernen. Eines Tages war mit Oma ein Tagesausflug in den Hamburger Tiergarten „Hagenbeck“ geplant, und Carl bettelte so lange, bis sein Vater ihm erlaubte, die Box mitzunehmen – unter Omas strenger Aufsicht. Und dann kam ein überraschendes Angebot: „Wenn die Bilder was werden, schenke ich dir die Box.“ Carl jubelte und wollte sich mächtig anstrengen. Einen Film mit zwölf Bildern hatte er zur Verfügung, und er fotografierte, was ihm dessen würdig erschien; er bemühte sich mächtig, die Kamera ruhig und gerade zu halten und die richtige Blende zu wählen (es gab nur 8+11). Die Tiere waren an diesem Tag eigentlich nur Mittel zum Zweck, denn es kam ihm darauf an, sich die Box zu verdienen. Am nächsten Tag brachte er den Film zur Entwicklung („6x9, gezackter Rand, Chamois“).

Nach vier Tagen holte Carl die Bilder voller Hochspannung ab, seine Hände zitterten beim Öffnen der Tüte vor Aufregung; er sah die Bilder, ihm kamen die Tränen, er war bitter enttäuscht: Die Bilder waren überwiegend unscharf, etwas schief oder falsch belichtet. Er dachte: „Box ade!“ Abends legte er die Bilder seinem Vater vor und wagte kaum, ihm in die Augen zu gucken. Lange schwieg Carls Vater, dann richtete er den Blick leicht lächelnd auf seinen Sohn und sagte: „Da musst du ja noch viel üben.“ Carl senkte den Blick, nickte nur leicht und verschwand in seinem Zimmer.

Als Carl am nächsten Morgen erwachte, traute er seinen Augen nicht: Auf dem Nachttisch neben seinem Bett lag die Box und ein Zettel, auf dem stand: „Ohne Fotoapparat kannst du ja nicht üben.“ Carl schämte und freute sich zugleich und schwor sich: „Die nächsten Bilder werden was!“ Und sie wurden was; Carl war rehabilitiert.


 
 CARL WEISS JETZT BESCHEID



Für Carl sollte es heute ein ganz besonderer Tag werden – ein Tag von großer Bedeutung für seine Reifeentwicklung. Carl spielte in der Sandkiste, und neben ihm saß Eis schleckend die 8-jährige Liesel. Es war Karfreitag, und Carl war erfüllt von Vorfreude auf das Osterfest. Würde der Osterhase wieder seine Lieblingseier verstecken? Oder vielleicht ein ganz großes Pappei, in dem viele kleine Eier lagen? Sicher würde es auch wieder ein Nest mit einem großen Schokoladenosterhasen geben. Plötzlich wurde Carl aus seinen Träumen gerissen: „Glaubst du eigentlich noch an den Osterhasen?“ Völlig verdattert versuchte er, Liesels Frage zu begreifen. Für ihn war der Osterhase keine Glaubensfrage, sondern unzweifelhafte Realität. „Mami und Papi haben gesagt, der Osterhase bringt die Ostereier.“ Liesel setzte die bedeutungsvolle Miene der Wissenden auf und sagte belehrend: „Es gibt gar keinen Osterhasen.“ Carl sah Liesel ungläubig an und sagte: „Mami und Papi lügen nicht.“ Liesel erklärte, dass die Eltern nur deshalb lügen würden, weil sie denken, dass Ostern dann für die kleinen Kinder schöner und aufregender sei. Carl runzelte die Stirn und dachte nach. Ihn beschlichen erste Zweifel – wirklich gesehen hatte er den Osterhasen ja bisher nicht. „Und wer versteckt dann die Ostereier?“ „Die Erwachsenen natürlich“, sagte Liesel. In gewisser Weise war Carl beruhigt, weil seine Eltern die Lügerei ja nur gut gemeint hatten. Er glaubte Liesel, weil die ja schon so alt war und es wohl wissen müsste, und er nahm sich vor, seinen Eltern auf den Kopf zuzusagen, dass er nun wüsste, dass es keinen Osterhasen geben würde.

Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: „Aber einen Weihnachtsmann gibt es, der hat meine Geschenke gebracht und den habe ich gesehen.“ „Quatsch, den gibt es natürlich auch nicht“, sagte Liesel. „Aber den habe ich doch gesehen“, widersprach Carl. „Das war nicht der Weihnachtsmann, sondern dein Opa oder irgendein anderer Erwachsener, der sich verkleidet hat.“ Noch spürte Carl einen inneren Widerstand, geliebte Gewissheiten aufzugeben, aber er fand es auch irgendwie aufregend, was Liesel ihm da erzählte; und sie setzte noch einen drauf: „Die Geschenke kaufen die Eltern, und den Weihnachtsmann haben sie nur erfunden, weil die Kinder dann eher artig sind, um die Geschenke zu bekommen.“

Für Carl war das einleuchtend, denn der Weihnachtsmann hatte ja immer gefragt, ob er denn auch schön artig gewesen sei, und er hatte jedes Mal das Gefühl gehabt, diese Frage bejahen zu müssen, wenn er die Geschenke haben wollte.

Carl nahm sich vor, die Sache endgültig zu erledigen und Mami und Papi zu erzählen, was Liesel gesagt hatte. Er wollte Gewissheit, ob sie recht hatte. Beim Abendbrot ging Carl die Sache an: „Liesel hat gesagt, es gibt gar keinen Osterhasen und auch keinen Weihnachtsmann! Und die Eltern erzählen das ihren Kindern nur deshalb, weil das gut für sie sein soll.“ Carls Eltern sahen sich an und schienen zu überlegen, ob sie Liesel böse oder dankbar sein sollten. Dann sagten sie: „Liesel hat recht, und du bist jetzt wohl alt genug, dass du das wissen darfst.“

Carl war plötzlich mächtig stolz, dass er nun zu den Großen gehörte, die nicht mehr an den Osterhasen und den Weihnachtsmann glaubten. Aber in seinem tiefsten Inneren empfand er auch einen leichten wehmütigen Abschiedsschmerz, denn er hatte die beiden „Erfindungen“ ja auch geliebt.



 CARL WEISS JETZT ALLES


Carl war 14 Jahre alt, und seine schwangere Tante aus Österreich war zu Besuch. Sein Vater wollte diesen Umstand nutzen, mit seinem Sohn mal ein „klärendes Gespräch unter Männern“ zu führen. Er sagte zu Carl: „Deine Tante und deine Mutter wollen mal unter sich sein, wir sollten mal wieder zusammen ins Kino gehen.“

Carl ahnte noch nichts Böses und willigte erfreut ein. Auf dem Fußweg zum Kino war Carls Vater zunächst merkwürdig schweigsam, aber dann brach es unvermittelt aus ihm heraus: „Weißt du eigentlich, wie das mit dem Kinderkriegen funktioniert?“ Carl war völlig verblüfft; er überlegte kurz: Ein einfaches „Ja“ hätte wohl seinen Vater das Gespräch erleichtert beenden lassen, bevor es angefangen hatte, und er war doch neugierig, was da wohl noch kommen würde; ein einfaches „Nein“ wäre gelogen gewesen. Deshalb druckste er ein wenig gekünstelt herum und sagte: „Ein bisschen weiß ich schon wie das geht, aber es wäre toll, wenn du mir alles erzählen würdest.“

Und dann legte Carls Vater los und erzählte seinem Sohn „alles“. Der Inhalt dieser Aufklärungsrede muss hier nicht wiedergegeben werden, weil Sie, liebe Leserin und lieber Leser, ja längst „alles“ wissen. Carl beobachtete seinen Vater verstohlen von der Seite und sah dessen gerötete Wangen. Ein bisschen tat er ihm auch leid. Als Carls Vater fertig war, sagte er abschließend: „Hast du noch Fragen?“ Carl wollte seinen Vater testen und stellte noch einige Fragen zur Verhütung und zur Homosexualität, die eher im Großen und Ganzen als in Einzelheiten beantwortet wurden.

Als die beiden wieder zuhause waren, gingen sie in den Garten, wo Carls Mutter mit dem Pflegen eines Beetes beschäftigt war; sein Vater gesellte sich zu ihr, und Carl setzte sich auf die Hollywood-Schaukel und ließ das Aufklärungserlebnis noch einmal Revue passieren. Mit einem halben Ohr hörte Carl, wie seine Mutter fragte: „Hast du ihm alles erzählt?“ „Ja – das Wichtigste weiß er jetzt“ antwortete sein Vater. Carl grinste in sich hinein. Sein Vater hatte einen enormen psychischen Kraftakt hinter sich gebracht, und Carl ließ ihn auch taktvollerweise in dem Glauben, dies nicht vergeblich auf sich genommen zu haben, denn er hatte natürlich vorher schon „alles“ gewusst.

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