8.3.12

TOLERANZ

„Leben und leben lassen“ ist von tiefer Weisheit durchdrungen. Es ist eben nicht die Lebensmaxime moralisch verlotterter Mitmenschen, denen nichts heilig ist, sondern das Grundgesetz derer, die jede Weltanschauung und Lebensform respektieren, solange diese nicht die Menschenrechte missachten. 

Toleranz heißt, dass die Verschiedenheit von Menschen geduldet und ertragen wird, dass das „Fremde“ keine Angst oder Bedrohungsgefühle auslöst und nicht als minderwertig beurteilt wird.

Um eine tolerante Haltung leben zu können, bedarf es eines stabilen Selbstwertgefühls, denn nur die Achtung, die ich mir selbst gegenüber fühle, erlaubt es, auch anders Denkenden und anders Lebenden mit Achtung zu begegnen. Toleranz setzt also innere Stärke voraus. 

Insofern sind gewalttätige nationalistische und religiöse Fanatiker Schwächlinge, die ihren Selbsthass gegen alles Fremde – also in ihren Augen Minderwertige – ausagieren. Sie überhöhen den Wert ihrer Nation/Kultur/Religion als Ideal und alleingültig; alles andere ist in ihrer Weltsicht minderwertig/gefährlich und darf – ja muss – vernichtet werden. Die Definition der eigenen Gruppe als einzig gute erlaubt es, sich durch die Identifikation mit ihr überlegen zu fühlen. Wer sonst nichts zu bieten hat, ist stolz auf die Zugehörigkeit zu irgendeiner Gruppe, was natürlich Selbstbetrug ist, weil man nur stolz sein kann auf eine eigene Leistung, ein persönliches Verdienst. Insofern ist Nationalstolz ein Hirngespinst; über „ ich deutsch, deutsch gut, also ich gut“ könnte man sich als lächerliche Schlussfolgerung lustig machen, wenn sie nicht global gefährlich wäre. Neben wirtschaftlichen Interessen spielt der beschriebene psychologische Mechanismus als Ursache für Kriege und Massenvernichtungen eine entscheidende Rolle.

Alle Menschen identifizieren sich mit Gruppen, von der Nation bis zum Sportverein; und das ist auch völlig in Ordnung und harmlos. In diese Kategorie fällt der Patriotismus als positiv erlebte national-kulturelle Identität genauso wie das leidenschaftliche Mitfiebern als Fan bei einem Fußballspiel. Gefährlich wird diese Identifikation erst, wenn sie eine psychisch kompensierende Funktion hat. Ein Beispiel hierfür sind Menschen, die es deshalb nicht ertragen können, wenn „ihr“ Verein verliert, und die dann gewalttätig ausrasten.

Haben Sie schon mal fremdenfeindliche Kinder gesehen? Alle Kinder sind an Andersartigem höchst interessiert, aber sie kämen nie auf den Gedanken abzuwerten/zu verurteilen; es sei denn, dass Erwachsene bereits indoktrinierend und manipulativ tätig gewesen sind.

Ich fürchte, dass eine Mehrzahl von Erwachsenen auf der ganzen Welt ihren Fanatismus und ihre Schwäche an ihre Kinder weitergibt, sodass die Welt auch in Zukunft voller Gewalt sein wird. Wer Vielfältigkeit nicht zu schätzen weiß, ist im wahrsten Sinne des Wortes einfältig.

Aber wenn es Ihnen – gerade Sie meine ich – gelingt, Ihrem Kind eine Entwicklung zu innerer Stärke zu ermöglichen, werden Sie das Höchstmögliche für mehr Toleranz in der Welt getan haben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen