8.3.12

KONFLIKT

Es gibt zwei Arten von Konflikten, bei denen es einer Lösung bedarf, weil es den Beteiligten sonst nicht gut miteinander geht:

1. Interessenkonflikt.


Ein solcher liegt vor, wenn verschiedene Menschen etwas Verschiedenes wollen und ihnen eine Entscheidung wichtig ist, weil das Verlassen des Kampfplatzes für sie keine mögliche oder gewünschte Alternative darstellt: Die Ehefrau will das Wohnzimmer bunt tapeziert haben, der Ehemann weiß gestrichene Rauhfaser; wenn eine Scheidung nicht gewollt wird, muss eine Lösung her. Kein zu lösender Interessenkonflikt liegt vor, wenn das, was einem der Beteiligten nicht passt, in das Selbstbestimmungsrecht des Anderen fällt: Die Tochter hat ihre Haare grün gefärbt, der Vater mag das nicht leiden – ist Geschmacksache, aber der Vater muss damit leben, weil das Outfit eines Mitmenschen keine Verhandlungssache ist.

2. Beziehungskonflikt


Ein solcher liegt vor, wenn die Beteiligten sich über die Definition ihrer Beziehung (wie sie zueinander stehen und was sie voneinander halten) nicht einig sind; wenn sich Paare z.B. streiten, weil der Eine das Sagen haben will und der Andere das nicht akzeptiert, oder wenn sie sich streiten, wer wen mehr liebt, oder wenn von Einem der Respekt durch den Anderen vermisst wird, oder wenn sie ihn für dumm hält und er das anders sieht etc. Im Gegensatz zu Interessenkonflikten lassen sich Beziehungskonflikte nicht geschäftsmäßig aushandeln, weil in der Regel heftige Gefühle dem Verstand einen Strich durch die Rechnung machen und weil Gefühle nicht einfach willensmäßig geändert werden können – man ist ihnen ausgeliefert.


In meine Praxis sind oft Paare gekommen, die steif und fest behauptet haben, sich seit 20 Jahren über Kleinigkeiten zu streiten. Das stimmt nie, denn mit Kleinigkeiten macht man sich nicht das Leben zur Hölle; dahinter stecken immer „Großigkeiten“, also Beziehungskonflikte, die den Beteiligten oft nicht bewusst sind, mit denen sie sich aber jahrelang herumquälen und die die Lösung von Interessenkonflikten unmöglich machen: Wenn z.B. die Machtfrage nicht geklärt ist, streitet man ewig um die Tapetenfrage.


In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern gibt es eine Fülle von Konfliktpunkten, die in den wenigsten Fällen Interessenkonflikte sind. Entweder beruht der Ärger darauf, dass sich die Eltern ständig in die Privatangelegenheiten ihrer Kinder einmischen und sog. Kompromisse dort erreichen wollen, wo das Persönlichkeitsrecht des Kindes tangiert ist (s. „grüne Haare“), oder die Eltern üben erzieherische Macht aus, was von den Kindern auf der Beziehungsebene nicht akzeptiert wird. Solange solche oder andere Beziehungskonflikte nicht beseitigt sind, kann auch der geringe Rest zu lösender Interessenkonflikte in der Familie nicht erfolgreich angegangen werden.


Weder Kinder noch Eltern sind Engel, aber wenn die Kids Schwierigkeiten machen, weil sie Schwierigkeiten haben, muss der erste oder größere Schritt immer von den ach so reifen Er-wachsenen ausgehen. Ansonsten gilt: Eltern haben immer die Kinder, die sie verdienen.


Ein weiterer Punkt liegt mir am Herzen: Menschen, die etwas mit Psychologie und Pädagogik zu tun haben, neigen dazu, Ratgeber zu verfassen und Trainings anzubieten, wie man bei Konflikten verbal richtig miteinander umzugehen hat. Vergessen Sie´s! Reden Sie, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist. Das eingeübte verbale Getue ist sowieso unecht, wenn dem nicht die entsprechende innere Haltung/Einstellung zugrunde liegt. Ein Arschloch bleibt auch dann ein solches, wenn es psychologisch rumsäuselt. Und wenn Sie Ihren Mitmenschen gegenüber in ehrlicher Weise Achtung und Respekt entgegenbringen, können Sie alle sogenannten Kommunikationsregeln vernachlässigen, weil man sich in einer solchen Beziehung alles sagen kann, ohne missverstanden zu werden. Und wenn Menschen mit einer respektvollen Haltung Konflikte bearbeiten, brauchen sie auch nichts über ausgefeilte Konfliktlösungsmethoden zu wissen.

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