7.3.12

INTELLIGENZ

Haben Sie in Ihrer Schwangerschaft Ihren dicken Bauch mit Beethovens „Neunter“ beschallt? Haben Sie Ihr Kind kurz nach der Zeugung in einer mindestens dreisprachigen Kindertagesstätte mit umfangreichen Bildungsprogrammen angemeldet? Haben Sie Ihrem Kind musikalische Frühför-derung ermöglicht? Haben Sie das Kinderzimmer bunt tapeziert und mit einem Mobile über dem Kinderbett ausgestattet? Haben Sie Ihrem Kind in jeder Wachphase vorgelesen, vorgesungen, und waren Sie permanent mit ihm im Gespräch? Ist Ihr Kind gleich nach der Krabbelphase einem Sportverein zugeführt worden? Haben Sie spätestens nach dem ersten Geburtstag Ihres Kindes Verbindung zu einem Elitegymnasium aufgenommen? Haben Sie bei Ihrer Entscheidung über den zukünftigen akademischen Beruf Ihres Kindes die Arbeitsmarktsituation und die Anforderungen der Globalisierung berücksichtigt? Haben Sie Ihrem Kind vorgelebt (und wenn Sie das nicht konnten, jedenfalls hinreichend gepredigt), dass nur die Intelligentesten reich und mächtig werden, und dass Ihr Kind ein Siegertyp ist?

Wenn Sie nicht alle Fragen bejahen können, wird Ihr Kind bestenfalls bei der Müllabfuhr oder an der Kasse beim Discounter landen. Sie haben versagt, weil Sie das Gehirn Ihres Kindes sträflich unter-fordert haben; die Abhängigkeit von Sozialleistungen ist vorprogrammiert.

Sie glauben mir das nicht? Gut so! 

Ein weiterer Aspekt: Als intelligente Leistungen bezeichne ich mal alle Fähigkeiten, zu denen wir unseren Grips brauchen (von Mathe bis Musik). Wenn wir in dieser Hinsicht irgendwelche Kompe-tenzen besitzen, werden diese als Ressourcen bezeichnet; wenn uns Kompetenzen abgehen, wird von Defiziten gesprochen. Alle meine Leserinnen und Leser, die eine Schule besucht haben, wissen aus leidvoller Erfahrung, dass die Lehrkräfte sich systembedingt fast ausschließlich mit Defiziten beschäftigt haben. Täglich wurde uns vorgeführt, was wir nicht können/wissen – gemessen an den Lehrplänen, die umfassend beschreiben, was wir alles können/wissen müssen, um Abschlüsse und Berechtigungen zu erhalten. Die erworbenen Kompetenzen müssen alle ein mindestens ausrei-chendes Niveau haben, damit man eine weiterführende Schule besuchen darf oder das Recht auf ein Studium oder eine Berufsausbildung hat. (Was „ausreichend“ (4) ist, nach welchen Maßstäben das beurteilt wird und ob diese Maßstäbe plausibel begründet werden können, weiß der Geier.) Jedenfalls werden dadurch in sehr hohem Maße persönliche Dramen produziert und Lebenschancen blockiert. Warum interessiert sich unser Schulsystem nicht für individuelle Kompetenz – und Motivations-profile und huldigt stattdessen einer Schulabschlussgleichschaltungsideologie? Warum muss ein Musikgenie etwas von Physik wissen?

Wenn wir es mal genau betrachten, bestehen wir alle fast ausschließlich aus Defiziten. Was wir können/wissen ist ein minimaler Bruchteil dessen, was wir alles nicht können/wissen. Machen Sie mal eine Liste Ihrer Defizite, falls Sie so viel Papier vorrätig haben. Na und? Meine Unfähigkeiten, Harfe zu spielen, ein Portrait zu zeichnen oder mathematische Gleichungen auszurechnen, machen mich überhaupt nicht unglücklich. Mit dem Profil meiner geistigen Ressourcen komme ich im Leben gut zurecht, und wenn ich das Bedürfnis habe, mir Neues anzueignen, tue ich das, wenn es im Rahmen meiner Möglichkeiten liegt. Welche Kompetenzen ich brauche, um nach meinen Maßstäben glücklich und erfolgreich zu sein, entscheidet niemand anders und erst recht keine Institution. Und diese Entscheidungsfreiheit gilt auch für Kinder/Jugendliche!

Nun höre ich schon das Geschrei ehrgeiziger Eltern und fanatischer Pädagogen: Kinder könnten nicht entscheiden, was sie fürs Leben lernen müssen, außerdem würden sie ohne Zwang dumm bleiben. Irrtum! Erstens kennen Kinder ihre Talente und Interessen schon vor dem Schulalter ganz genau, zweitens blockiert Zwang das Gehirn; ein Kind hat viel damit zu tun, unter Druck Eingebimstes wieder zu vergessen, und drittens gilt: Dem genetisch angelegten Lerneifer aller Kinder müssen die Erwachsenen nur Raum zur Entfaltung lassen, sie unterstützen und anregen – dann lernen sie auch ganz freiwillig lesen, schreiben und rechnen.

Entscheidend ist nicht das Vorhandensein von Defiziten (davon haben wir alle genug), sondern die Bedeutung, die wir ihnen für unser Leben zumessen. In diesem Sinne sind alle Kinder defizit-orientiert; sie merken z.B., dass sie noch nicht allein Schuhe zubinden können, finden das irgendwie Scheiße und strengen sich an es zu lernen. Andererseits sind alle Kinder ressourcenorientiert, indem sie für ihre Weiterentwicklung auf die Kompetenzen zurückgreifen, die sie schon haben; sie wollen z. B. ein Bild malen und kennen schon Tusche und können den Pinsel halten. Liebe Eltern, wenn Sie Ihr Kind nicht ehrgeizig verbraten, sondern ihm liebevoll begleitend die Welt zeigen, bekommen Sie ein intelligentes Kind.

Ein weiterer Aspekt: Alle Menschen wollen sich unbedingt für intelligent halten, oder im Sprachgebrauch der BILD: sie wollen „schlau“ sein. Hierzu einige Thesen:

Der Prestigewert der kognitiven Intelligenz (siehe „schlau“) bzw. die Reduzierung des Intelligenzbegriffes auf Fähigkeiten der Kognition und Abstraktion – ist damit zu erklären, dass diese Fähigkeiten zur Befriedigung tief greifender emotionaler Bedürfnisse eingesetzt werden können wie Sicherheit, Selbstwertgefühl, Macht und Angstbewältigung. Nur die technische Intelligenz ermöglicht die Herstellung von Produkten und damit Lebensverhältnissen, die dem Menschen das Gefühl von Überlegenheit, Größe und Bedeutung geben. Dass mit Hilfe der kognitiven Intelligenz archaische Emotionen wie Angst und Unsicherheit zuverlässig bewältigt und beherrscht werden können, ist allerdings eine kaum ausrottbare und gefährliche Illusion des Menschen, denn gerade diese Emotionen sind es, die die Anwendung technischer Fähigkeiten steuern. Das Selbstwertgefühl des Menschen, das sich durch die Fähigkeiten des Großhirns definiert, ist zutreffender als Größen-wahn zu bezeichnen. Sollte der Mensch sich eines Tages sozial- und naturverträglich verhalten, wäre das die Geburtsstunde der Vernunft (Integration von Emotionen und technischer Intelligenz), die die Fähigkeiten der Selbstbeschränkung und des Verzichts zur Voraussetzung hat.

Gegenwärtig befindet sich die kollektive Vernunft noch im Entwicklungszustand des Embryos, der jedoch wahrscheinlich von der kollektiven Paranoia abgetrieben wird.

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