10.3.12

HABGIER

Die Gier nach Vermehrung von Hab und Gut scheint ein Grundbedürfnis der meisten Menschen zu sein. Schon eines der ersten Wörter in der Sprachentwicklung ist „haben“. Nicht gierig sind Menschen nur dann, wenn sie sowieso keine Aussicht auf Erfolg sehen. Zwischen der Gier, wenn es etwas umsonst gibt oder an den Grabbeltischen beim Schlussverkauf oder beim Spekulieren mit Millionen gibt es nur quantitative aber keine charakterlichen Unterschiede. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Selbstwertgefühl sowie der inneren Erfülltheit und dem Maß des Bedürfnisses nach materiellem Besitz. Innerlich starke Menschen unterliegen der Verlockung des Habenwollens weniger als Menschen, für die Materielles Ersatz für einen Mangel (z.B. an Glück und Liebe) ist oder die fehlende innere Größe mit Statussymbolen kompensieren müssen. Gefährdet, habgierig zu werden, sind auch Menschen, die in ihrem Leben – gefühlt oder tatsächlich – in hohem Maße zu kurz gekommen sind, oder diejenigen, denen immer alles in den Arsch geschoben wurde und für die goldene Löffel von Anfang an selbstverständlicher Standard waren.

Wenn Kinder so früh wie möglich selbstverantwortlich mit begrenzten finanziellen Mitteln umgehen können/dürfen, lernen sie, ihre finanziellen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen, ihre Bedürfnisse mit der vorhandenen Kohle in Einklang zu bringen, mittel- bis langfristig zu planen. Auch diese Erfahrungen können zusätzlich davor schützen, habgierig in ein ruinöses Konsumverhalten zu verfallen, an dessen Ende die Privatinsolvenz steht.

Der Aspekt, dem ich mich jetzt zuwenden werde, steht also durchaus – wenn auch im weiteren Sinne – mit dem Thema im Zusammenhang. Darüber hinaus ist er für fast alle Eltern von höchster pädagogischer Brisanz: Taschengeld!
Die Fragen aller Fragen lautet: Wie viel Taschengeld soll, muss, darf mein Kind bekommen? Antwort: So viel wie möglich. Es gibt zwei Kriterien für die Festsetzung des Höchstbetrages, in den allerdings grundsätzlich nicht die Kosten für Ernährung und Wohnung einfließen:

1. die Gesamtkosten für ein Kind, die vom verfügbaren Familieneinkommen abhängig sind und

2. die Menge der Einzelposten, für die ein Kind in freier Selbstverwaltung zuständig ist.

zu 1)

In den Gesamtkosten ist alles enthalten, was nicht Ernährungs- und Wohnungskosten sind – also von Süßigkeiten über Schulmaterial und Disco bis zu Klamotten.

zu 2)

Mit Einzelposten sind die Bedürfnisse und Notwendigkeiten gemeint, für deren Befriedigung das Kind selbst zuständig ist. Die Anzahl ist vom Alter des Kindes abhängig, also von seiner Fähigkeit, den Überblick zu haben und zu planen. Das kann bedeuten, dass sich die finanzielle Selbstverwaltung eines Dreijährigen auf den Süßigkeitenbedarf pro Woche beschränkt und nach mehreren Zwischenstufen beim Dreizehnjährigen endet, der den Gesamtbetrag der Jahreskosten durch 12 geteilt monatlich ausbezahlt bekommt.

Mit meiner obigen Antwort „so viel wie möglich“ ist also der Grundsatz gemeint, dass ein Kind vom frühestmöglichen Zeitpunkt an so viel Kohle kriegt, dass es reifeabhängig und familien-einkommensabhängig ein Höchstmaß an persönlichen Kosten eigenständig verwaltet. Für Jugendliche können die anfallenden Jahreskosten mit ein bisschen Mühe nach Erfahrungswerten be-rechnet und ggfs. wiederholt angepasst werden. Wenn ein Kind mit diesem Prinzip aufwächst, hat das für alle Beteiligten ausschließlich Vorteile:

1. Das ewige Betteln um Geld für dieses oder jenes hört auf. Z.B. hat das Vorschulkind beim Einkauf mit Mama sein eigenes Portemonnaie dabei und sieht selbst, ob es sich noch ein Eis leisten kann. Und wenn der 11-Jährige am 20. des laufenden Monats pleite ist, muss und kann er bis zum nächsten 1. auf alles verzichten. Es gibt keinen Kredit, und verhungern und frieren wird er nicht (s.o.).

2. Das Kind lernt, eigene Prioritäten zu setzen. Z.B. weiß die 15-Jährige auch schon im Mai, dass sie ab November vielleicht neue Winterklamotten haben möchte. Also wird sie Geld zurücklegen. Tut sie das nicht, wird sie im November bei Mama auf Granit beißen und die Vorjahresfummel tragen müssen. Sterben wird sie daran nicht.

3. Mama und Papa haben verbesserte finanzielle Planungssicherheit. Das Geld wurde ausbezahlt, beide wissen wofür, und es gibt keine unerwarteten Nachforderungen.

4. Die Eltern sind von viel Verantwortung befreit. Da die Kids ihren Finanzhaushalt eigen-verantwortlich verwalten, müssen die Alten sich auch nicht ständig einmischen und darüber streiten, welche Ausgaben sinnvoll sind und welche nicht. Und wenn das Kind das Geld in den Müll schmeißt: es geht die Eltern nichts mehr an, und die Kosten für das Kind werden dadurch nicht erhöht, weil kein Recht auf Nachforderungen besteht. Im schlimmsten Fall führen Fehler bei der Finanzplanung nur zu schmerzhaften aber immer zumutbaren Verzichtleistungen; denn für Sättigung, einen warmen Hintern und ein Dach über dem Kopf sind ja gesorgt.

5. Es ist eine Tatsache, dass Kinder, denen Eigenverantwortung zugetraut wird, dieses Vertrauen auch rechtfertigen. Ich habe selbst erlebt, dass meine Kinder ihr Geld nicht nur nicht verplemperten, sondern sogar einen gewissen (Ehr-)Geiz entwickelten, durch kluge Planung Überschüsse zu erwirtschaften. Auch in dieser Hinsicht sind zufriedene Kinder ausgesprochen pflegeleicht, was sich wiederum sehr positiv auf das elterliche Nervenkostüm auswirkt. 

Wenn meine Ideen Sie überzeugt haben, können Sie vielleicht dazu beitragen, dass Ihre Tochter/Ihr Sohn mal das Finanzministerium übernimmt und kompetent den Staatshaushalt in Ordnung bringt.









           

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