8.3.12

QUÄLGEIST

Wenn man ungerecht und ganz böse formuliert, klingt das so: Alle Kinder sind Quälgeister, man kann sie regelmäßig an die Wand nageln, sie sind geboren, den Eltern das Leben zur Hölle zu machen. Wenn man gerecht formuliert, klingt die Fortsetzung so: Alle Eltern sind Quälgeister, man kann sie regelmäßig an die Wand nageln, sie sind dazu da, ihren Kindern das Leben zur Hölle zu machen.

Man sieht die Welt immer von dem äußeren und inneren Standort aus, an dem man sich gerade befindet - Binsenweisheit. Deswegen sehnen sich Eltern nach dieser „Quälerei“, wenn sie gerade Krankheit, Tod oder Entführung ihres Kindes erleiden.

„Du Quälgeist“ kann auch sehr liebevoll intoniert und gemeint sein. Dann mischen sich Gefühle von Hilflosigkeit, Verzweiflung und Glück angesichts dieses penetrant lebendigen Kindes. Natürlich kann Ihr Kind Sie nur so viel quälen wie Sie es zulassen, weil Sie die Stärkeren sind; aus diesem Grund können Sie Ihrerseits aber Ihr Kind grenzenlos quälen.

Wenn wir „sich quälen“ mal mit sich-gegenseitig-auf-die-Nerven-gehen übersetzen, passiert das fast immer, wenn Eltern und Kinder sich pausenlos mit gegenseitigen Ansprüchen auf den Wecker gehen. In dieser Hinsicht bin ich ein glühender Verfechter von Anspruchslosigkeit. Ich appelliere an Sie: Beschränken Sie Ihre Ansprüche auf körperliche und geistige Erlebnisse sowie ein friedliches Miteinander und verschonen Sie die Kinder mit Ansprüchen, wie sie zu sein und zu leben haben; sie werden es Ihnen mit Quälverzicht danken.

Ein Quälgeist kann aber auch ein Mensch sein, der sich selbst im Geiste quält; sicherlich eine ungewöhnliche Bedeutungsvariante, aber geistige Selbstquäler kommen nicht selten vor. In der Eltern-Kind-Beziehung ist eine Spezies besonders verbreitet, nämlich die, die sich permanent Sorgen macht (meistens Mütter). Ich rede hier nicht von Situationen, in denen ein Kind ernsthaft gefährdet ist - wer sich da nicht sorgt ist gleichgültig. Ich rede von Sorgen, die vollkommen ohne reale Indizien der Phantasie entspringen und bei denen die Vorstellung, was alles passieren könnte, die Seele quält. Solche Sorgen haben nichts mit Liebe zu tun, weil zur Liebe auch Vertrauen gehört.

Besonders fies ist es, wenn die Sorgen erpresserisch eingesetzt werden. Da wird den Kindern ein schlechtes Gewissen eingeredet, weil sie angeblich schuld seien, dass Mama sich mal wieder quälen „musste“. Das Problem wird auf Kosten des Kindes ausagiert. Die Sorgen werden auch gerne verhaltenslenkend eingesetzt: „Du tust dieses oder lässt jenes, weil ich mir sonst Sorgen mache.“ Kinder sind leider nicht so stark, dass sie sich darauf ´n Ei backen können. Da diese sorgenvolle und nicht vertrauende Haltung meistens sogar echt ist, kann man diesen Menschen noch nicht einmal moralische Vorwürfe für böse Absichten machen, wenngleich die daraus resultierenden Taten zu missbilligen sind, weil sie ein Kind in seelische Not bringen.

Ich wünsche keinem Kind/Jugendlichen diese Selbstquälgeister!


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