10.3.12

LEISTUNG


Ich setze mich in diesem Kapitel ausschließlich mit „Schule“ und „Leistungsbewertung“ auseinander.

Dem gegenwärtigen Schulsystem liegt ein Menschenbild zugrunde, das davon ausgeht, dass Kinder und Jugendliche noch keine vollwertigen Menschen sind, dass sie unfähig seien, über ihr Leben selbst zu bestimmen und deshalb durch Zwang zu ihrem (angeblichen) Glück gebracht werden müssten. Es wird davon ausgegangen, dass junge Menschen ohne Zwang nicht – oder nur Unnützes – lernen würden und sich somit für immer ihre Zukunft verbauen oder gar zu asozialen oder kriminellen Wesen verkommen würden. Entsprechend ist das jetzige Schulsystem von Fremdbestimmung und Bevormundung geprägt. Kinder und Jugendliche müssen zur Schule gehen, egal ob sie wollen oder nicht – es besteht Schulpflicht. Sie müssen das lernen, was andere für wichtig und richtig halten, unabhängig davon, ob sie sich dafür interessieren.

Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist von einem großen Machtgefälle geprägt. Lehrer dürfen Befehle erteilen, und die Schüler müssen gehorchen. Möglichkeiten, sich gegen Unge-rechtigkeiten zu wehren, gibt es kaum. Mangels schulinterner Gewaltenteilung – Beschluss, Durchführung und Kontrolle liegen in einer Hand – bekommt der Lehrer (fast) immer Recht. Dass Schüler dem Lehrer ständig Sachen erzählen sollen, die dieser längst weiß, gehört auch zur absurden Schulrealität. Unterricht wird meist zu einer Art Profilierungsshow, bei der jeder Schüler zeigen soll, was er kann und dass er besser ist als alle anderen. Gegenseitige Hilfe unter Schülern ist im Unterricht daher vielfach unerwünscht, wenn nicht sogar verboten.

Wer nicht bereit ist, sich den undemokratischen Regeln der Schule zu unterwerfen, muss mit teilweise drastischen Konsequenzen rechnen. Tendenziell führen diese Maßnahmen nicht dazu, das Ziel der Schule zu erfüllen, nämlich selbstbestimmte, kreative, weltoffene, tolerante, friedliche und soziale Mitmenschen heranzubilden, sondern faktisches Ergebnis der heutigen Schulen ist überwiegend entweder der sich fügende, im schlechten Sinn angepasste, unkreative Kleinbürger, oder der egoistische, rücksichtslose intolerante Macht- und Ellenbogenmensch.

Im jetzigen Schulsystem kommen junge Menschen praktisch nicht als Subjekte vor, sondern nur als Objekte staatlichen Handelns. Schule ist derzeit ein Ort, an dem sich die meisten Kinder und Jugendlichen nicht wohlfühlen. Viele Menschen glauben, dass das „leider“ so sein muss. Vielleicht braucht unser Staat auch deshalb eine Schulpflicht, weil das jetzige Schulsystem nicht geeignet ist, dass Kinder und Jugendliche begeistert ein Schulrecht wahrnehmen würden.

Druck und Zwang beim Lernen bewirken insgesamt weitaus mehr Nachteile als Vorteile. Alle Menschen haben ein angeborenes Lern- und Leistungsbedürfnis. Dieses Bedürfnis ist genauso fun-damental wie z.B. das Bedürfnis eines jeden Menschen zu essen und zu trinken. Solange genug Essen vorrätig ist, wird kein Mensch verhungern, auch wenn man ihn nicht zum Essen zwingt. Auch kann die Nahrungsaufnahme etwas sehr Angenehmes sein – unter Zwang und bei Androhung harter Strafen schmeckt jedoch selbst das leckerste Essen nicht. Ähnlich ist es mit dem Lernen. Kinder sind neugierig und zunächst aufgeschlossen für alles Neue – man könnte auch sagen, sie sind lernhungrig und wissensdurstig. Gerade kleine Kinder lernen unheimlich viel und zwar ohne Zwang. Schon Säuglinge erkunden aktiv ihre Umwelt. Innerhalb relativ kurzer Zeit lernen sie laufen und ihre Muttersprache sprechen. Sie lernen Spiele, technische Geräte bedienen, Fahrrad fahren oder auch ein Musikinstrument zu spielen. Kinder lernen ständig – ob es ihnen bewusst ist oder nicht. Bei ihnen findet Lernen mitten im Leben statt.

Im Alter von sechs Jahren kommen sie dann in die Schule. Bis dahin haben sie so viele Sachen gelernt – ohne staatlichen Schulzwang. Und je weniger sie von ihren Eltern unter Druck gesetzt wurden, desto mehr haben sie freiwillig und aus eigenem Antrieb gelernt. Fast alle Kinder freuen sich darauf, in die Schule zu kommen, weil sie wissen, dass sie dort neue Sachen lernen können, die sie bisher nicht kannten. Doch spätestens jetzt wird Lernen mit meist subtilem Zwang verbunden. Auch vielen Erwachsenen ist dieser Zwang gar nicht bewusst, da er so alltäglich ist und als so selbstverständlich gilt, dass man nicht darüber nachdenkt.

Vor allem, wenn sich die Kinder für bestimmte Sachen nicht interessieren oder zeitweilig oder vorläufig nicht dafür interessieren, kommen sie immer wieder mit diesem Zwang in Berührung. Dieser führt nicht nur unmittelbar zu Denkblockaden, sondern auch zu lang anhaltenden Schäden. Der Zwang stellt für den Schüler eine Bedrohung oder Gefahr dar, die Angst auslöst und seinem Organismus Aufmerksamkeit abverlangt. Die für Lernerfolg so wichtige Konzentration auf das zu Lernende wird also zerstört. Außerdem wird beim Lernen nicht nur das eigentliche Wissen abgespeichert, sondern auch die Umstände, unter denen man lernt, die Gefühle, die man dabei hat. Wenn man zu einem späteren Zeitpunkt dieses unter Angst verursachendem Zwang mühsam gelernte Wissen wieder hervorholt, kommt das negative Gefühl von Angst auch wieder hervor. Je stärker und lang anhaltender dieser Zwang ist, desto mehr wendet man sich ab, um nicht an die erlebte Angst und den Zwang denken zu müssen. Meist ist diese Abwendung auf bestimmte Themengebiete oder Personen begrenzt, manchmal betrifft es auch das Lernen allgemein, so dass man geistig „zu“ macht, sofern man das Stichwort Lernen hört, auch wenn Lernen noch ganz anders geht als heute in der Schule üblich. Es ist der Zwang, der Kindern (und auch Erwachsenen) die Freude am Lernen austreibt.

Lernzwang kann auch nicht damit verteidigt werden, dass Kinder noch nicht wissen würden, welches Wissen sie einmal brauchen werden. Auch Erwachsene wissen vorher nicht, was sie selbst mal brauchen. Bei der Fülle an Wissen, die es gibt – und die Menge des Wissens verdoppelt (!) sich ca. alle sechs Jahre – ist es gar nicht möglich, alles auf Vorrat zu lernen. Viele Informationen sind ohnehin schon nach kurzer Zeit völlig veraltet. Es ist viel sinnvoller, wenn Menschen das lernen, was sie wichtig finden bzw. wovon sie denken, dass sie es persönlich brauchen werden. Und wenn absehbar wird, dass dieses oder jenes Wissen (zum Beispiel Umgang mit neuer Technik) in Zukunft eine Rolle spielen wird, so kann man dies dann immer noch lernen, wenn man will. Und so wie Menschen z.B. über gesunde Ernährung informiert werden, kann man ihnen auch Hinweise auf allgemein wichtiges Wissen geben, ohne dass dabei irgendein Zwang ausgeübt würde.

Lernen geschieht sehr erfolgreich und schnell, wenn man aus eigenem Antrieb lernt. Selbst sehr schwierige und aufwendige Angelegenheiten bewältigt man dann mit relativer Leichtigkeit und meist mit großer Effizienz. In heutigen Staatsschulen lässt sich beobachten, wie langsam und mühselig Schüler Sachen lernen, die sie nicht aus Interesse, sondern aus Angst vor schlechten Zensuren und Strafandrohungen lernen. Und nach der Klassenarbeit oder Klausur vergessen sie den allergrößten Teil wieder. Menschen, die nicht zum Lernen gezwungen werden, lernen nicht wegen künstlicher Motivation, sondern aufgrund ihrer natürlichen Neugier (die noch gut erhalten oder wieder hergestellt ist) oder weil sie es als Grundlage für eine andere Sache brauchen.

Die Behauptung, dass Menschen, die nicht zum Lernen gezwungen werden, „nur faul rumhängen“ und weitgehend dumm bleiben, ist in der Praxis längst widerlegt. In Freiheit lernende Menschen sind sogar aktiver und engagierter als der Durchschnitt. Sie haben nicht alle dasselbe gelernt, und ein Teil weiß sicher genauso wenig über Atommodelle, den 30-jährigen Krieg, die lateinische Grammatik, Kurvendiskussionen und über Zellteilung wie der heutige Durchschnittsschüler, aber von den wichtigen Sachen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, haben sie Ahnung. (Offenbar findet jeder Einzelne, der vor die freie Entscheidung gestellt wird, diese Sachen so einleuchtend wichtig, dass er sich damit beschäftigt.) Bisher ist z.B. kein einziger Fall bekannt, in dem ein Kind, das nicht gezwungen wurde, nicht früher oder später Lesen und Schreiben gelernt hätte. Demgegenüber gibt es in Deutschland mit Schulpflicht vier Millionen Menschen über 14 Jahren, die nicht Lesen und Schreiben können.

Ein Argument gegen selbstbestimmtes Lernen besagt, dass ohne Lernzwang qualifiziertes Personal für die verschiedenen technischen, wissenschaftlichen und sozialen Aufgaben fehlen würde. Es ist gar nicht notwendig – und auch heutzutage nicht der Fall –, dass jeder Mensch von allen Themengebieten Ahnung hat. Es reicht immer, wenn sich ein gewisser Anteil damit auskennt. Dieser Anteil wird unter den Bedingungen von Lernfreiheit immer ausreichend groß sein. (Es sei nur einmal auf das Computerwissen hingewiesen, zu dem ja niemand in der Schule gezwungen wurde.) Das heißt natürlich nicht, dass jeweils nur so viele das entsprechende Wissen lernen sollen, wie Wissenschaft, Technik und Wirtschaft brauchen; sondern es soll nur gezeigt werden, dass es auch gesellschaftlich nichts schadet, wenn sich nicht alle mit allem auskennen, was so unter „Allgemeinwissen“ geführt wird.

Schlussfolgerung: Es ist wenig aussichtsreich, jemandem etwas beibringen zu wollen, für das er sich nicht interessiert. Da es nicht möglich ist, das Interesse durch Ausüben von Druck nachhaltig zu steigern, und Druck im Normalfall sogar das Gegenteil des Gewünschten bewirkt, sollte auf Druck von vornherein verzichtet werden. Aus dem bisher Beschriebenen ergibt sich zwangsläufig folgende Forderung:

Schulnoten müssen abgeschafft werden!

Zensuren behindern das Lernen. Sie ersetzen im Laufe der Zeit die natürliche Motivation (im Leben zurecht kommen wollen, Neugier) durch eine künstliche Motivation (gute Zensuren, Vermeidung von Bestrafung). Die meisten Schüler lernen dann, weil sie eine gute Zensur bekommen wollen, aber nicht, weil sie sich für das Thema interessieren oder die Fähigkeit bzw. das Wissen gebrauchen könnten. Um gute Zensuren zu bekommen, lernen sie, was andere ihnen vorsetzen. Und wenn sie ihre Zensur haben, vergessen sie den Stoff meist ganz schnell wieder. Und: Da ihr Ziel nicht Wissen sondern gute Zensuren heißt, lernen viele auch nur dann, wenn sie dafür eine Zensur bekommen. Dinge, für die es keine Zensur gibt, werden schon nicht so wichtig sein. Das eigene Nachdenken unterbleibt, denn andere sagen ihnen schließlich, womit sie sich beschäftigen sollen.

Zensuren, die es ja in Form der „mündlichen Note“ auch zwischen den Leistungskontrollen gibt, erzeugen einen permanenten Druck. Dieser Druck erzeugt Angst zu versagen. Durch Zensuren werden Fehler bestraft. Schüler, die an Zensuren glauben, fühlen sich oft als Versager, wenn sie viele Fehler machen und als schlecht eingestuft wurden, und führen ihren Misserfolg nicht selten auf „eigene Dummheit“ zurück, die ihnen von manchen Lehrern auch immer wieder eingeredet wird. Fehler sind jedoch ein wichtiger Bestandteil des Lernens. Wer neue Wege geht macht Fehler. Fehler helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen. Indem sich Fehler oder auch nur Nachfragen, die Verständnislücken offenbaren, negativ in der Bewertung niederschlagen, wird begreifendes Lernen bestraft. Also lieber nicht neugierig sein, sondern brav auswendig lernen.

Ob die Motivation, sich mit dem vorgegebenen Thema zu befassen, durch schlechte Zensuren steigt, darf zumindest bezweifelt werden. Wenn man eine innere Motivation hat, lässt man sich durch Fehlschläge nur selten von seinem Ziel abbringen. Wenn einem Zensuren jedoch etwas bedeuten, fühlt man sich eher entmutigt. Angesichts der Versetzungsfrage geht von schlechten Zensuren trotzdem eine gewisse Motivation aus; diese entspricht jedoch der, die von einem Messer an der Kehle ausgeht. Unter Angst kann man nicht lernen. Angst lähmt. Man kann sich nicht auf das Lernen konzentrieren, man kann nicht kreativ sein, man ist viel zu sehr durch die ständige Bedrohung zu versagen abgelenkt.

Das Gehirn ist kein Gefäß, in dem Wissen zusammenhangslos abgelegt wird. Wenn man etwas lernt und später wieder an ein Thema denkt, erinnert man sich nicht nur an das Wissen, sondern auch an die Begleitumstände, unter denen man mit dem Thema zu tun hatte, also z.B. an bestimmte Unterrichtssituationen. Wenn der Druck der Zensuren einen also doch dazu bringt, mühsam, lustlos und gegen den eigenen Willen eine bestimmte Sache zu lernen, wird man diese Sache stets mit der unangenehmen Zwangs-lernsituation assoziieren. Um sich diese unangenehmen Gefühle zu ersparen, versucht man, solchen Themen möglichst selten über den Weg zu laufen, ihnen auszuweichen. Allein das Stichwort „Mathe“ oder „Latein“ genügt dann, um einen zusammenzucken und auf sichere Distanz gehen zu lassen. Die vor allem durch Zensuren erzwungene Zwangsbeschäftigung mit einem Thema führt also gerade nicht dazu, dass man sich damit beschäftigen will.

Zensuren begleiten und bewerten den Schüler also nicht passiv wie eine Studie (die Gegebenheiten feststellt, ohne sie dadurch zu beeinflussen) einfach bei dem, was er ohnehin tut und lernt, sondern verändern sein Lernverhalten - sie schaden ihm. (bis hier in Auszügen von Kraetzae.de übernommen)


Zensuren haben nach allgemeinem Verständnis den Anspruch, den Kenntnisstand von Schülern objektiv zu beurteilen. Sie sollen Auskunft darüber geben, wie gut jemand ein Themengebiet verstanden hat und Fähigkeiten anwenden kann. Dafür sind Zensuren aber grundsätzlich unbrauchbar. Alle Bewertungen, die Menschen über das Verhalten oder die Leistungen anderer Menschen abgeben, sind ihrer Natur nach grundsätzlich subjektiv und nicht objektiv. Selbst wenn sich viele Menschen (Lehrer) über ihre Bewertungen einigen, bleibt dies eben eine subjektive Gruppenentscheidung. Selbstverständlich brauchen Lernende ein Feedback über ihren Leistungsstand und wollen dieses auch haben. Bewertungen sind aber keine Rückmeldungen über die realisierten Fähigkeiten, sondern eine Auskunft, was der Bewertende davon hält. Ein Fahrschüler will nur wissen, was er (objektiv) richtig oder falsch macht hinsichtlich seines Fahrverhaltens, dafür braucht er aber keine Bewertung, sondern eine Leistungsbeschreibung. Und das gilt auch für das Lernen in der Schule. Die Abschaffung der Leistungsbewertung (Zensuren) ist also kein Verzicht auf ein notwendiges Feedback, sondern nur der Verzicht auf eine überflüssige und schädliche Form der Rückmeldung. Wenn ein Schüler Unterstützung braucht, weil er seine Leistungen im Hochsprung verbessern will, benötigt er also eine Beschreibung dessen, was er richtig macht oder was er technisch verändern müsste. Im Gegensatz zu Bewertungen (Zensuren) bewirken Leistungsbeschreibungen also keine Ängste, sondern unterstützen die Schüler beim Lernen. Beschreibende Rückmeldungen stärken die Eigenmotivation von Lernenden, sie können damit wirklich etwas anfangen, und dadurch wirken sie sich positiv auf die Leistungsfähigkeit aus. Fazit: Zensuren sind überflüssig, menschenfeindlich und leistungshemmend!

Noch ein letzter Aspekt: Zensuren sind auch nicht nötig als Grundlage für Berechtigungen – z.B. für weiterführende Ausbildungen oder die Berufsausübung. Arbeitgeber können nicht interessiert sein an in Zahlen ausgedrückten Bewertungen, da diese keine inhaltlichen Informationen enthalten, sondern sie wollen wissen, welche Fähigkeiten und Kenntnisse Menschen haben, die sich für irgendetwas bewerben. Betriebe und Institutionen brauchen also ein informatives Leistungsprofil, das sie ggfs. auch selbst erstellen können, als Grundlage für ihre Entscheidungen. 

_________________________________(Achtung: Satire)


Als Realist ist mir natürlich klar, dass sich eingefleischte Zensurenfreaks von den bisher dargestellten Fakten und Gedankengängen nicht beeindrucken lassen. Sie werden weitermachen wie bisher. Um das Zensurenunwesen jedenfalls ein wenig zu entbrutalisieren, möchte ich diesen Unbelehrbaren Grundsätze und Kriterien an die Hand geben, die die Zensurenvergabe für die Schülerschaft vielleicht ein wenig erträglicher und nachvollziehbarer macht.

Wenn Lehrkräfte ihren Opfern menschlich einigermaßen wertvoll gerecht werden wollen, müssen sie mindestens über eine moralisch integre und stabile Persönlichkeitsstruktur verfügen. Als destruktiv unbedingt zu vermeiden ist:

- klammheimliche Freude, wenn die Schüler zittern
- machtgeile Besessenheit und Rechthaberei
- emotionslose Kälte
- schweißtriefende Angst vor Kritik und Widerspruch

Angesagt ist menschliche Wärme. Die Beachtung folgender Grundsätze wird das Leben für alle Beteiligten angenehmer machen:

1. Bedenke, dass es nicht Deine Aufgabe ist, Schüler(innen) unglücklich zu machen.

2. Bedenke, dass die leistungsbezogene Selbsteinschätzung der Schüler(innen) nie durch eigennützige Interessen geleitet ist, sondern objektiv und deshalb ernst zu nehmen.

3. Bedenke, dass die Wahrheit immer in der Mitte liegt. Beispiel: Schüler(in) sagt „5“, Du sagst „1“, also Zensur gleich „3“.

4. Bedenke, dass Du Deine Macht zu verschleiern hast, um Deine demokratische
   Grundhaltung zu demonstrieren. Zensuren sind Verhandlungssache.

5. Bedenke, dass es im Wesentlichen um Lebensschicksale und Existenzfragen geht. Tränenreiche oder wütende Zusammen-brüche zeigen Dir, dass Du Deiner Verantwortung nicht gerecht geworden bist.

6. Bedenke, dass die Unzufriedenheit einer Schülerin/eines Schülers mit einer Zensur die Rechtswidrigkeit Deiner Entscheidung beweist. Vermeide um jeden Preis langjährige Wider-spruchsverfahren.

7. Bedenke, dass eine „4“ nur von Masochisten akzeptiert wird, und dass eine „5“ oder gar „6“ unmoralisch ist.

8. Bedenke, dass die mündliche Zurückhaltung mancher Schüler/innen durch deren schwere Kindheit zu erklären ist; das Gebot der Ermutigung hat sich in der Zensur niederzuschlagen. (Mindestens „2-“)

9. Bedenke, dass regelmäßige Anwesenheit und geöffnete Augen eine (für unsere schulischen Verhältnisse) nicht unerhebliche Motivationsleistung darstellen; das bedeutet, dass Du nicht nur zu bewerten hast was Du hörst, sondern vor allen Dingen was Du siehst.

10. Bedenke, dass Du grundsätzlich unter Wahrnehmungsstörungen leidest und deshalb flexible Reaktionen auf die Kritik von Schüler/innen keinen Mangel an Rückgrat darstellen, sondern realistische Einsicht in die Begrenztheit Deiner Bewertungs-kompetenz.

Die Berücksichtigung dieser 10 Gebote ist zwar eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für eine verantwortungsbewusste und lustbetonte Leistungsbewertung. Hinzukommen muss die Anwendung eindeutiger Kriterien für die Erteilung der Zensuren:

„1“ (sehr gut)

Durch eigenständige Gruppenarbeit erzielte Ergebnisse präsentieren die Schüler/innen unter Benutzung aller vorhandenen technischen Mittel (Beamer, OHP, TV/Video, Kassettenrekorder) und reichhaltigen Materials (Papier in allen Farben, Formen und Größen, Tusche, Ölfarbe, Kreide, Fotos). Die Brillanz der Darstellung (Verpackung) muss so faszinierend sein, dass inhaltliche Aussagen und eigene Gedanken obsolet werden. Diese würden schon die Grenze zur Genialität überschreiten und lägen außerhalb des Ausbildungsanspruches in allgemeinbildenden Schulen. Schriftliche Aufgaben werden auf dem PC geschrieben unter Einfügung passender Clips, wobei orthographische Aspekte irrelevant sind. Auch hier wird das Primat der Ästhetik beachtet. Die Beteiligung am Klassengespräch als so genannte mündliche Leistung zeigt sich in zustimmendem Kopfnicken, das durch einen tiefsinnig – verstehenden Blick ergänzt wird.

„2“ (gut)

Die Bedingungen für eine „1“ werden zu 50% erfüllt.

„3“ (befriedigend)

Die Bedingungen für eine „1“ werden zu 25% erfüllt.

„4“ (ausreichend)

Die Bedingungen für eine „1“ werden zu 0% erfüllt. Die Schülerin/der Schüler ist wegen körperlicher oder psychischer Krankheit im laufenden Schuljahr nicht anwesend, reicht jedoch als Zeichen seiner Motivation und Selbstverantwortung regelmäßig gelbe Scheine bzw. elterliche Entschuldigungen ein. Der dadurch dokumentierte Leistungswille ist als solcher auch als Leistung zu bewerten, sodass die Versetzung nicht gefährdet ist.

„5“ (mangelhaft)

Eine mangelhafte Leistung ist nicht vorstellbar. Außerdem wäre eine solche Bewertung unmoralisch (Suizidgefahr!), und irgendetwas „Ausreichendes“ lässt sich mit einem professionell guten Willen immer finden.

„6“ (ungenügend)

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