8.3.12

X-Y-CHROMOSOM


Es bietet sich an, diese beiden Seiten einer Medaille in einem Kapitel zusammenzufassen.

 Sie haben eine Tochter oder einen Sohn? Dann bitte ich Sie, meinen Gedankengängen zu folgen, was das für Sie sowie Tochter und Sohn bedeutet. Ich werde meine Überlegungen von der weiblichen Seite her aufziehen, für die männliche gilt das genauso, nur umgekehrt.

Mit etwa 5 Jahren ist Ihrer Tochter eines hundertprozentig klar: Ich bin ein Mädchen und werde mal eine Frau. Gehen wir mal davon aus, dass Sie als Mutter eine starke Frau sind, selbstbewusst, beruflich kompetent, liebevoll. Ihre Tochter findet Sie als Frau ganz super und sieht dadurch ihrer weiblichen Zukunft hoffnungsvoll entgegen. Durch die Identifikation mit Ihnen hat sie ein hervorragendes Verhältnis zu ihrer Weiblichkeit (ich will auch mal wie Mama werden). Entwicklungsbedingt zieht es Ihre Tochter in diesem Alter in besonderer Weise zum Vater hin; sie macht ihm oft einen Heiratsantrag. Seien Sie nicht eifersüchtig, Sie sind nicht abgemeldet, sondern nur vorrübergehend auf Eis gelegt. Nun spreche ich Sie als Vater an: Gehen wir davon aus, dass Sie ein verfügbarer Vater sind, zärtlich, stark und unternehmungslustig. Für Ihre Tochter sind Sie einfach ein toller Mann, und Ihre attraktive Art von Mann sein bildet die vorbildhafte Grundlage für das spätere Verhältnis Ihrer Tochter zu Männern (so einen wie Papa will ich später mal haben). Wenn wir uns jetzt noch vorstellen, dass Sie als Vater und Mutter eine Mann-Frau-Beziehung leben, in der Sie fair und liebevoll miteinander umgehen, Gleichwertigkeit und Verlässlichkeit vorleben, also einfach miteinander glücklich sind, dann sind Sie beide als Paar ein Vorbild für Ihre Kinder, dass es sich lohnt, eine Liebesbeziehung einzugehen. Um als Mann und Frau reif zu werden, brauchen Ihr Sohn und Ihre Tochter also Sie beide als Mutter, Vater und Liebespaar.

Ahnen Sie, was es für die Entwicklung Ihres Kindes bedeutet, wenn Sie weder als Mutter noch als Vater oder Paar ein positives Vorbild abgeben? Alles was mit biologischer oder sozialer (rollenmäßiger) Weiblichkeit/Männlichkeit zu tun hat, wird im Leben Ihres Kindes haufenweise Konflikte und Unglück mit sich bringen.

Sollte ein Kind durch Scheidung der Eltern nur mit einem Elternteil aufwachsen/leben, mag dies im Vergleich zum Leben in einer schrecklichen Elternbeziehung das geringere Übel sein, aber es ist immer ein Übel (oder mindestens ungünstig). Das ist daran zu merken, dass diese Kinder sich intensiv Menschen als Ersatz suchen, die dem Geschlecht des fehlenden Elternteils entsprechen.

In der Pubertät ist vorrangig die Beziehung zum Elternteil des gleichen Geschlechts angesagt. Alleinerziehende, die es mit einem/einer Pubertierenden des ihnen entgegengesetzten Geschlechts zu tun haben, wissen um dieses Bedürfnis in besonderer Weise (Sohnemann will zum Vater ziehen, die Tochter zur Mutter). Unterstützen Sie diesen Beziehungswunsch in der Ihnen möglichen Weise.

Wenn die Jugendlichen ihre ersten eigenen Liebesbeziehungen ausprobieren, sind sie besonders anfällig für Beziehungskrisen ihrer Eltern. Die Kids brauchen nichts so sehr wie eine stabile Beziehung ihrer Eltern; zum einen, um Vertrauen in die Sicherheit einer Liebesbeziehung zu entwickeln und zum anderen, um den elterlichen Rückhalt zu haben, wenn bei den Kids mal wieder die Welt untergeht.

Nachdem ich mich nun mit diesem Spezialaspekt von Weiblichkeit und Männlichkeit befasst habe, möchte ich den Blick erweitern zu einigen Betrachtungen über das Wesen des Menschen im Allgemeinen.
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Als Fachmann für diese Thematik (Dipl.-Psych.) wurde ich von meinen SchülerInnen wiederholt mit der Erwartung konfrontiert, mein Menschenbild darzulegen. Sie wollten ideologische Bekenntnisse, also klare Aussagen, was ich denn so vom Menschen halte. Da ich mich nicht drücken wollte, versuchte ich ein Bild zu entwerfen, das sowohl der Wirklichkeit entspricht als auch die Schüler/innen intellektuell nicht überfordert.

Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, möchte ich eine Ihrem gereiften Niveau entsprechende Aufgabe anbieten: Finden Sie heraus, welche Aussagen X-mäßig, Y-mäßig oder geschlechtsneutral sind:

Nach einer langen Zeit harmonischer Langeweile auf Erden war es der Evolution endlich gelungen, ein Wesen mit einer einzigartigen und deshalb interessanten Eigenschaft zu kreieren: Dieses Wesen heißt „Mensch“ und besitzt ein Selbst – Bewusstsein. Diese Eigenschaft ist verantwortlich für die erste und bisher einzige Erkenntnis, die der Mensch über sich selbst produzierte und die er in bestechender Klarheit formuliert: „Ich bin der Größte!“ Alle weiteren Erkenntnisse und Taten des Menschen sind Variationen und Ausdrucksformen dieses grundsätzlichen Selbstverständnisses.

Es hätte nun alles so schön sein können, wenn es nicht den einen oder anderen Haken bei der Sache gäbe. Ein großes Problem besteht darin, dass der Mensch weiß, dass es eines Tages mit ihm aus ist. Deshalb will der Mensch in seinen Kindern und großartigen Werken weiterleben - also ewig. Für die Kinderlosen und diejenigen, die zu faul oder zu dumm sind, große Werke zu schaffen, hat der Mensch die Religion erfunden. Diese kann sehr dabei helfen, Zweifel an der Bedeutung des Menschen für die Schöpfung auszuräumen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass es weibliche und männliche Menschen gibt. Besonders den Letzteren ist es ein Dorn im Auge, dass es so viele Andere der männlichen Spezies gibt, die noch größer sein wollen als man selbst ist, oder die mehr haben als man selbst hat. Weil der Mann das nicht aushalten kann, hat er den Krieg erfunden. Diesen Krieg führt er entweder gegen andere Männer oder ersatzweise gegen die Frauen, wenn diese ihm nicht gehorchen wollen. Um gegen die Frauen zu gewinnen, muss er manchmal auch die Religion zu Hilfe nehmen. Als der Schöpfer/die Schöpferin nun das selbst - bewusste Treiben der Menschen sah und merkte, was er/sie da angerichtet hatte, entfuhr ihm/ihr der verzweifelte und empörte Satz: „Das ist doch die Krone!“ Da nun das Gehirn des Menschen die wunderbare Gabe besitzt, jede Wahrnehmung passend zu interpretieren, missverstand der Mensch den zitierten Aufschrei und bezeichnete sich fortan als Krone der Schöpfung. Dies ist nun die allgemeine Grundlage des menschlichen Selbstwertgefühls.

Gesteigert wird das noch beim Mann durch seine Muskeln, weil er mit denen so schön auf die Kacke hauen kann; deswegen hält er sich auch für das starke Geschlecht. Das spezifisch weibliche Selbstwertgefühl wird noch durch die Tatsache gesteigert, dass Frauen Männer dazu kriegen können, sich für sie zu prügeln, oder sich für sie auf andere Weise aufzureiben und zu ruinieren.

Der Mensch hat letztendlich nur ein einziges Ziel bzw. Bedürfnis: Er will Spaß haben. Wenn Pflanzen, Tiere und andere Menschen zum Spaßhaben geeignet sind, wird dies als „nützlich“ bezeichnet; als „schädlich“ bezeichnet der Mensch alle Pflanzen, Tiere und andere Menschen, die ihm beim Spaßhabenwollen in die Quere kommen. Es gibt nur drei Dinge, die wirklich Spaß machen: der Körper, die Macht und das Geld. Es soll auch Menschen geben, denen geistige Tätigkeit Spaß macht, aber das sind die Ausnahmen, weil das evolutionsmäßig noch nicht der Hit ist.

Menschen, die sich für das Spaßhaben nicht selbst anstrengen wollen, nannten sich früher „Adel“ oder „Klerus“ und heißen heute „Kapitalist“. Dies wollen all diejenigen Menschen werden, die für das Spaßhaben schwer arbeiten müssen. Wer dafür gar keine Chancen sieht, hat Spaß in der Askese oder am Patriotismus. Wenn alle sich anstrengen und keiner Spaß hat, nennt man das Sozialismus. Wenn alle Menschen glauben, dass es Spaß macht, überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben, nennt man das Kapitalismus.

Jeder Mensch will auf etwas stolz sein. Die meisten Menschen haben sich dafür die Nationalität ausgesucht, weil man dafür nichts tun muss. Es gibt auch Menschen, die auf ihre guten Eigenschaften stolz sind. Alle Menschen mit denselben guten Eigenschaften wie man sie selbst hat, heißen „WIR“. Alle Menschen mit schlechten oder gefährlichen Eigenschaften heißen „DIE ANDEREN“. Deshalb hat der Mensch die BILD-Zeitung erfunden, damit er täglich lesen kann, warum die Anderen schlechter sind als man selbst; und diesen dann mit fiesen Mitteln den Spaß gründlich zu verderben, macht richtig viel Spaß.

Der Mensch ist deshalb nicht fähig zum Frieden, zur Freiheit und Gerechtigkeit, weil man dafür tolerant sein muss, was sehr anstrengend ist und deshalb keinen Spaß macht.

Der Mensch ist ein moralisches Wesen. Beweis: Am meisten Phantasie und geistige Energie bringt der Mensch dafür auf, moralische Rechtfertigungen für seine Untaten zu erfinden. Ohne diese Leistung der menschlichen Psyche wäre doch die Welt schrecklich unmoralisch! Diese geistige Arbeit ist zwar furchtbar anstrengend, aber wenn man damit durchkommt, macht das ganz viel Spaß.

Sollte ich die ideologische Orientierung meines lesenden Publikums beleidigt haben, ist das beabsichtigt gewesen. Sollten Sie rätselhafterweise ein völlig anderes Menschenbild haben, werden Sie mir in einem Punkt sicher zustimmen: Für die weitere Entwicklung der weiblichen und männlichen Menschheit gibt es noch viel Luft nach oben. „Es gibt viel zu tun, packen wir´s an.“

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