10.3.12

REUE


Erste Bedeutung: Reue empfinden, weil man sich schuldig gemacht hat. Zweite Bedeutung: Etwas bereuen, weil man im Nachhinein eine Entscheidung als falsch beurteilt.

Zum Ersten: Reue empfinden zu können ist sozial sehr bedeutend, weil dies ein sensibles Gewissen voraussetzt, was wiederum ein wichtiges Steuerelement für angemessenes Sozialverhalten ist. Eine Konsequenz ehrlicher Reueempfindung ist die Bitte um Verzeihung. Dies wiederum setzt die innere Größe voraus, sich Schuld eingestehen zu können, was nur mit einem hinreichenden Selbst-wertgefühl möglich ist.

Wenn Kinder Mist gebaut haben, sollten sie auf gar keinen Fall mit moralischen Vorwürfen überschüttet werden, weil sie sich dann innerlich in eine Ecke verkriechen, aus der sie nicht so schnell wieder rauskommen. Sie fühlen sich dann minderwertig, was eher zur Blockade oder Aggression führt als zu ehrlicher Reue. Weil Schuld auf diese Weise unerträglich wird, kommt es zur entlastenden Sichtweise, dass immer nur die Anderen Schuld haben.

Wenn Erwachsene gegenüber Kindern Mist gebaut haben, sollten sie das auf gar keinen Fall als rechtens hinstellen, sondern um Entschuldigung bitten. Wer fürchtet, sich einen Zacken aus der Krone zu brechen, hat in Wirklichkeit überhaupt keine Krone.

Zum Zweiten: Viele Menschen quälen sich (manchmal ein Leben lang) mit dem Bereuen von Entscheidungen. Das ist unnötig und dumm weil niemals berechtigt. Niemand trifft in seinem Leben eine Entscheidung, von deren Falschheit er in dem Moment überzeugt ist. Nein – man macht immer alles richtig auf der Basis der gegenwärtig verfügbaren Informationen über innere und äußere Realitäten. Wenn also eine in diesem Sinne damals richtige Entscheidung zu unerwünschten Konsequenzen führt, ist es logischerweise nicht sinnvoll, die damaligen Realitäten im Lichte der gegenwärtigen Informationslage zu bewerten; das heutige „Besserwissen“ macht demnach die damalige Entscheidung nicht falsch. Es gibt also nichts zu bereuen. Durch den Schmerz des Bereuens und die Selbstkasteiung werden nur psychische Energien verschwendet, was wiederum neue richtige Entscheidungen erschwert.

Niemand macht absichtlich Fehler, diese sind naturgemäß immer nur hinterher zu erkennen („hinterher ist man immer schlauer“). Fehlerhaftigkeit zu bekennen steht also nicht im Widerspruch zu der Aussage: „Ich habe im Leben immer alles richtig gemacht.“ Eine solche Sichtweise ist nicht arrogant; sie unterstützt den Frieden mit sich selbst, ohne Schwächen und Fehler auszublenden.

In diesem Sinne: Bereuen Sie nichts!

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