8.3.12

VORSICHT

Ständig werden Kinder und Jugendliche gewarnt und ermahnt: „Sei vorsichtig – pass´ doch auf!“ Wenn es sich jedenfalls um den sinnvollen Hinweis auf den anrollenden Lastwagen handeln würde…Aber nein – es scheint wirklich alles geeignet zu sein, damit sich die elterliche Klappe zum Warnen und Mahnen öffnet. „Pass´ auf, dass du nichts verschüttest, pass´ auf, dass du dich nicht dreckig machst, pass´ auf, dass du nicht hinfällst…“ Ich will Sie aber nicht auf den nächsten 20 Seiten mit überflüssigen Sprüchen dieser Art nerven.

Mindestens 99,9% solcher Sätze werden in Situationen abgesondert, in denen das Risiko für Leben oder Gesundheit gleich null ist. Blaue Flecke und blutige Schrammen tun nur weh, sind aber nicht gefährlich. Davor müssen Kinder nicht geschützt werden. Und wenn durch Unachtsamkeit mal ein Missgeschick passiert, das Arbeit macht, dann können die Kinder und Jugendlichen das in fast allen Fällen selber wieder in Ordnung bringen.

 Die Kleinen und Größeren müssen die manchmal auch schmerzhaften und Unbequemlichkeiten verursachenden Risiken des Lebens aushalten und ausbaden lernen. Nur dadurch lernen sie, Risiken realistisch einzuschätzen, und sie sind dann weniger gefährdet, bei wirklichen Gefahren Schaden zu nehmen. Unfallversicherungen haben das wissenschaftlich bewiesen. Eltern sind dafür da, Kinder nicht ins offene Messer laufen zu lassen, aber sie dürfen ihre eigene Ängstlichkeit nicht auf Kosten der Kinder bewältigen. Schutz vor jeder Unbill des Lebens verhindert, dass sich Sicherheit, Selbstvertrauen und Risikoeinschätzung entwickeln.

Wenn Sie Opfer Ihrer eigenen Ängstlichkeit sind, sagen Sie das Ihrem Kind – es wird Sie trösten. Es gibt auch Unachtsamkeiten oder Leichtsinnshandlungen, deren Folgen teuer sind; dann zahlt das die Versicherung. Wenn nicht, und wenn Ihr Portemonnaie den Schaden aushält, dann hat sich „der Täter“ gefälligst schmerzhaft mit dem eigenen Taschengeld an der Wiedergutmachung zu beteiligen.

Vielleicht können und wollen Sie folgende 10 Sichtweisen berücksichtigen:


- die Einsicht, dass über Gefahren informiert werden muss, ohne ständig
  zu warnen oder zu drohen 

- die Rücksicht auf das Bedürfnis sich ausprobieren zu wollen

- die Nachsicht, wenn wieder mal eine Ungeschicklichkeit passiert

- die Absicht es auszuhalten, wenn es mal weh tut 

- die Übersicht zu behalten, wenn es wirklich gefährlich wird

- die Aussicht, dass Ihr Kind stark und selbstbewusst wird

- die Zuversicht, dass nicht immer das Schlimmste passiert

- die Klarsicht, dass Überängstlichkeit dem Kind schadet

- die Weitsicht, dass durch das Zumuten kleiner Risiken das
   große Risiko vermieden wird

- mit Umsicht eingreifen ohne hektisch zu werden

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