15.3.12

(NICHT NUR) FÜR MENSCHEN AN DER FSP2 IN HH-ALTONA


1. ALLES GANZ NORMAL…


Die erste Unterrichtsstunde montags morgens muss man einfach erlebt haben. Ereignisse und Atmosphäre annähernd zutreffend zu beschreiben, entzieht sich meinen sprachlichen Möglichkeiten; trotzdem habe ich es nach einem ganz besonders typischen Montagmorgen gewagt: Katharsis und Hilfeschrei an die KollegInnen.

Ich hatte mich wie üblich am Sonntag sechs Stunden lang auf die erste Unterrichtsstunde am Montag vorbereitet. Persönlich gelangweilt, aber professionell interessiert betrete ich um 7.55 Uhr die FSP. Im Postfach nur Konferenzprotokolle, Terminpläne und sonstiger Müll. Der Kopierer ist defekt, sodass ich mehr Zeit zum Rauchen habe als geplant. Ich sitze schläfrig auf meinem Stammplatz.

Die Kollegin B.K. betritt mit aufreizender Munterkeit das Lehrerzimmer, reißt sämtliche Fenster auf, murmelt etwas von „gesunder frischer Luft“, setzt sich hin und steckt sich erst mal eine an. Inzwischen ist es eine Minute vor acht, also noch reichlich Zeit für eine zweite Zigarette. Um sieben Minuten nach acht betrete ich pünktlich Raum 112, um die Klasse XII/4 zu unterrichten. Schließlich bin ich als Lehrer ständig ein Modell für Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein, Selbstdisziplin, soziales Verantwortungsgefühl und alle anderen guten Eigenschaften.

Laut Klassenakte wäre mit 19 Schülerinnen und 4 Schülern zu rechnen, aber als alter erfahrener Hase weiß ich natürlich, dass sich montags morgens nur die Elite aus dem Bett quält. Von den vier anwesenden Menschen wird mein Erscheinen vermutlich als nicht weiter beachtenswert oder als störend empfunden. Petra guckt glasig durch mich hindurch, Anne ist mit der Vorbereitung eines Frühstücksbuffets beschäftigt, Klaus versucht sich am Kreuzworträtsel der Morgenpost und Julia hat ihren Kopf auf dem Tisch deponiert. In dieser Situation habe ich mich früher als Berufsanfänger verunsichert gefragt, ob es sich denn überhaupt lohnen würde, mit dem Unterricht zu beginnen, mich dann verlegen grinsend hingesetzt und den Anwesenden den Vorschlag gemacht, noch 1o Minuten zu warten. Erhebliche Zweifel nagten damals an mir, die Attraktivität meines Unterrichts betreffend. Heute bin ich jedoch ein abgeklärter Profi, und ich backe mir auf alles 'n Ei, d.h. ich habe den Idealzustand professioneller Gelassenheit erreicht.

Zunächst fordere ich die sozialpädagogischen Azubis zu einer ersten Aktivität heraus: Ich lege die Anwesenheitsliste vor, und sie dokumentieren fast eifrig ihr physisches Vorhandensein. Anschließend kann mich nichts und niemand mehr daran hindern, unverzüglich mit der Erfüllung meiner Pflicht zu beginnen. Ich formuliere meinen gut vorbereiteten ersten Satz: „ Ich möchte heute damit beginnen...“ - Die Tür wird aufgerissen und Frank erscheint. Er murmelt etwas von „Entschuldigung“ und „Wecker“. Auf dem Weg zu seinem Platz stolpert er über drei Stühle, braucht 53 Sekunden, bis er lautstark seinen Stuhl passend zurechtgerückt hat und sieht mich dann - ich kann es kaum fassen - aufmerksam an. Damit auch Frank teilnehmen kann, beginne ich meinen ersten Satz von vorn: „Ich möchte heute damit beginnen, mit Euch gemeinsam darüber nachzudenken...“ - Die Tür geht auf, und Nadine steckt fragend den Kopf in den Raum. Sie scheint sich nicht sicher zu sein, ob sie hier richtig ist. Als sie mich erkennt, strahlt sie und ruft rückwärtsgewandt in den Flur: „Wir sind hier richtig!“ Außer Nadine erscheinen noch Yvonne und Nina, und alle drei sind auf eine entwaffnende Art bemüht, den Unterricht nicht zu stören. Auch heute versuche ich wieder neugierig zu ergründen, warum das Ablegen von Rucksäcken so viel Lärm verursachen kann. Mit einer Mischung aus Amüsiertheit, Ungeduld, Resignation und Müdigkeit warte ich ab was passiert. Yvonne scheint besonders beglückt über Annes Frühstücksbuffet und greift erst einmal beherzt zu; Nina fragt Klaus, was wir bisher gemacht haben, und Nadine fragt mich, ob sie das Fenster öffnen könne: sie hätte nämlich heute Nacht durchgesumpft und sei eigentlich nur deswegen erschienen, weil die Schule zufällig auf ihrem Nachhauseweg gelegen hätte.

Während dieser Unterbrechung war es mir völlig entgangen, dass inzwischen Jonas, Bernd und Jana erschienen waren. Ich öffne für Nadine das Fenster. Nun ergreife ich die Chance, meinen Unterricht erneut zu beginnen. „Ich möchte heute damit beginnen, mit Euch gemeinsam darüber nachzudenken, welche Bedeutung die Pub...“ - Dass Jonas und Jana sich intensiv küssen, irritiert mich eigentlich weniger, aber Bernd meldet sich zu Wort. Nach meinem zustimmenden Nicken bittet er mich, den Satz noch einmal zum Mitschreiben zu wiederholen. Etwas genervt meine ich, ich hätte ja noch gar keinen richtigen Satz gesagt. Ich will gerade einen erneuten Unterrichtsversuch starten, als ich mitbekomme, dass Yvonne Anne fragt, wieso sie kein Nutella mitgebracht hätte. Auf das Stichwort „Nutella“ hebt Julia plötzlich ihren Kopf vom Tisch, sieht mich verstört an und verlässt den Klassenraum. In rührender Fürsorge flitzen Nina und Frank sofort hinterher. In der ohnehin nun offen stehenden Tür erscheinen Elke, Sandra und Christine. Elke verkündet lautstark, dass heute Pädagogik ausfallen würde, worauf alle Anwesenden plötzlich hellwach werden und ihrer Begeisterung durch lautes Gejohle Ausdruck verleihen.

Als wieder Ruhe eingekehrt ist, nehme ich mir erneut die Freiheit, das Wort zu ergreifen: „Um es also noch einmal für alle zu wiederholen - ich möchte heute damit beginnen, mit Euch gemeinsam darüber nachzudenken, welche Bedeutung die Pubertätsgeilheit...“ - Petra und Anne fangen plötzlich an, fürchterlich zu kichern, Sandra steht auf, wobei ihr Stuhl umkippt und schließt das Fenster, und Frank, Nina und Julia betreten mit hochroten Gesichtern wieder den Klassenraum. Ich stelle fest, dass wir nun mit inzwischen 14 anwesenden Schülerinnen und Schülern fast komplett sind und will erneut mit dem Unterricht beginnen. Doch kaum habe ich Luft geholt, fragt mich Christine, wo denn die Anwesenheitsliste sei, und Klaus, der immer noch mit seinem Kreuzworträtsel beschäftigt ist, fragt mich, ob ich ein anderes Wort für Motivation mit sieben Buchstaben wüsste. Als ich ihn nach seiner Motivation für den Psychologie-Unterricht frage, guckt er mich etwas irritiert an und meint, der Unterricht habe doch noch gar nicht richtig begonnen. Insgeheim muss ich ihm Recht geben, setze sofort eine sachlich-ernsthafte Miene auf und fange meinen ersten Satz noch einmal an: „Ich möchte heute damit beginnen, mit Euch gemeinsam darüber nachzudenken, welche Bedeutung die Pubertätsgeilheit für die offene Jugendarbeit hat.“ Inzwischen hat Anne fertig gefrühstückt und dreht sich genüsslich eine Zigarette. Dies ist das Signal, dass es 8.45 Uhr ist und damit Zeit für die Raucherpause.
Als ich meine Zigarette zu Ende geraucht habe und wieder das Klassenzimmer betrete, sitzt dort Klaus ganz allein, der als einziger Nichtraucher an seinem Kreuzworträtsel weitergearbeitet hatte. Auf meine Frage, ob denn die Anderen inzwischen verstorben seien, meint er nur lakonisch, ich würde doch die Wartezeiten in der Teeküche kennen. Um 1o nach 9 sind wir wieder vollzählig inklusive Kaffeebecher und Brötchen. Meine langjährige Berufserfahrung hat mich einiges über das Kurzzeitgedächtnis von SchülerInnen der FSP gelehrt; also wiederhole ich noch einmal das Thema: „Ich möchte heute damit beginnen, gemeinsam mit Euch darüber nachzudenken, welche Bedeutung die Pubertätsgeilheit für die offene Jugendarbeit hat.“ Sandra, die ich privat als verbissene Emanzenziege bezeichnen würde, meldet sich fingerschnippend zu Wort. Ich nicke ihre bemüht freundlich zu. Mit ihrem Beitrag bestätigt sie meine auf Erfahrung gegründeten Befürchtungen: „Da hast du dir ja ein scheiß frauenfeindliches Thema ausgedacht!“ tönt sie. Da ich mich inzwischen irgendwie reichlich genervt fühle, schlage ich brutal mit einer Gegenbemerkung zurück: „Ich kann mir gut vorstellen, dass du in deinem Leben noch nie geil gewesen bist.“ Jetzt sind plötzlich alle hellwach. Die vier Männer klopfen mit den Fingerknöcheln auf den Tisch, und der intellektuelle Kreuzworträtsel-Klaus gratuliert mir für meinen diagnostischen Scharfsinn. Von den Frauen ist nur allgemeines Gekreische zu hören und Christine meint, sie könne mein chauvinistisches Getue montags um diese Zeit einfach noch nicht ertragen. Als ausgebuffter Profi habe ich die Situation sofort im Griff. Ich weise darauf hin, dass meine Bemerkung natürlich nicht persönlich, sondern humorvoll gemeint gewesen sei, und dass ich zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema habe provozieren wollen. Da zwischen der Klasse und mir ein gewachsenes Vertrauensverhältnis besteht, höre ich als Reaktion auf diesen Hinweis nur noch ein schlaffes „ja,ja,ja“, und die restlichen Wogen glätte ich mit einer Miene voll menschlicher Wärme und Wertschätzung.

Es ist plötzlich mucksmäuschenstill, absolute Ruhe, kein Laut. Mich bringt dieser Zustand völlig durcheinander, aber routiniert nutze ich ihn zu einer Kurzintervention - die mir wieder gewogene Stimmung ausnutzend: „Ich will euch bei der Gelegenheit noch mal wieder sagen, dass mir euer ewiges Rumgelärme und Zuspätgekomme allmählich tierisch auf die Nüsse geht!“ - 3o Sekunden null Reaktion. Klaus bemerkt trocken, ohne das Gesicht vom Rätsel hochzunehmen: „Das war eine korrekte Ich-Botschaft.“ Dann kräht Petra: „Hast am Wochenende wohl wieder tierischen Beziehungsstress gehabt!“ Ich fühle mich nicht ernst genommen. Bevor ich antworten kann, bekommt Nina einen ihrer ausgiebigen Hustenanfälle. Ein Blick auf die Uhr sowie Annes Drehen einer Zigarette signalisieren mir das Ende der Stunde. Ich formuliere in professioneller Routiniertheit ein Resümee dieser Stunde: „Ich denke, es ist uns allen heute die Relevanz des Themas deutlich geworden, das uns in diesem Semester beschäftigen wird. Und achtet mal in dieser Woche darauf, ob ihr in eurer Praxisstelle etwas zur Pubertätsgeilheit beobachten könnt.“ Den zweiten Teil des Satzes hätte ich mir sparen können, da inzwischen schon alle den Klassenraum verlassen hatten.

Irgendwie fühle ich mich ein bisschen frustriert, aber ich mache mir sofort klar, dass ich mein Bestes gegeben habe, und dass ich nicht für die Lernmotivation erwachsener Menschen verantwortlich bin. Schließlich habe ich es fertig gebracht, an einem Montagmorgen das Thema für ein ganzes Semester zu formulieren. Außerdem bin ich auch ein wenig erleichtert, dass meine sechsstündige Vorbereitung am Sonntag nach der heutigen Erfahrung für die nächsten acht Stunden ausgereicht hat. Außerdem wissen wir ja alle, dass es überhaupt nichts bringt, durch den Stoff zu hetzen.

Ich bin also zufrieden a) mit meiner päd. Kompetenz (ich habe die Schülerinnen nicht überfordert), b) mit meiner psychologischen Kompetenz (die durch mich ausgelösten Befindlichkeitsstörungen hielten sich in tolerierbaren Grenzen).

Schließlich verlief in der letzten Stunde

... ALLES GANZ NORMAL



2. SONDERBARE EREIGNISSE NACH ERTEILUNG EINES  ARBEITSAUFTRAGES
                                         

SchülerInnen einen Arbeitsauftrag zu erteilen, den diese in Einzel-, Paar- oder ich Klein-gruppenarbeit zu erledigen haben, ist eine sehr beliebte und effektive pädagogische Methode. Erstens habe als Lehrer eine Atempause, in der ich mich vom Stress des professionellen Entertainments erholen kann, und zweitens fördere ich selbständiges Denken und Arbeiten der SchülerInnen. Da ich mir einbilde, eine hinlänglich präzise Fragestellung formulieren zu können, hat es mich immer wieder fasziniert, was SchülerInnen alles so an Fragen und sonstigen Äußerungen einfällt, wenn der Arbeitsauftrag formuliert wurde. Das folgende Protokoll enthält die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Der Arbeitsauftrag lautet:
Analysiert die Anamnese von „Klaus“ hinsichtlich ihrer entwicklungspsychologischen Bedeutung und stellt Vermutungen an, wie „Klaus“ die beschriebenen Fakten emotional erlebt haben könnte. Ihr könnt allein, zu zweit oder zu dritt arbeiten.
(Erläuterung: die folgenden Fragen/Aussagen werden von diversen SchülerInnen gestellt/gemacht und sind kursiv, meine Reaktionen sind fett gedruckt.)

Was???
Wie was!?
Kannst du das noch mal sagen?
Aber natürlich – für dich doch immer.
Ich habe eben nicht aufgepasst – wie war der erste Teil?
Noch bin ich ziemlich geduldig und wiederhole
Bitte noch mal zum Mitschreiben!
-   -   -   -   -   -   -   -   -   -   -   -  -   -   -  -   -   -   -   -   -   -   -  !
Was heißt „Anamnese?“
Frag´ deine Nachbarin – ich habe das schon 10mal erklärt!!!
Bist du heute schlecht drauf?
Noch nicht...
Kannst du das Thema noch mal wiederholen?
Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
Ich kann nun mal so´ n scheiß Text nicht behalten.
Als ich in deinem Alter war, funktionierte mein Gedächtnis auch noch nicht. Ich wiederhole.
Schreib´ das doch mal an die Tafel!
Und anschließend beschwerst du dich, dass du nicht lesen kannst.
hahaha
Ich schreibe in meiner Sonntagsnachmittags-Ausgehhandschrift.
Was heißt „entwicklungspsychologische Bedeutung?“
Das bedeutet, was deine schlimme Kindheit aus dir gemacht hat.
Woher sollen wir wissen, was Klaus gefühlt hat?
Das kannst du nicht wissen, aber wenn du mal dein weibliches Einfühlungsvermögen bemühst, könnte das klappen.
Was sollen wir eigentlich machen?
?????????????????????????????????????????????????????????
Wie lange haben wir Zeit?
Bis zum Frühstück
Kannst du nicht ´ne einfache Frage beantworten, anstatt blöde Sprüche zu kloppen?
63 Minuten.
Können wir das auch zu viert machen?
Wollt ihr Doppelkopf spielen? Also gut – ich hab´ keinen Bock auf Trennungsdramen.
Hast du noch mal ein Exemplar von dem Fall? Ich habe meinen vergessen.
Gleich vergesse ich mich !!!
Müssen wir ganze Sätze schreiben oder reichen Stichworte?
Schreibe bloß keine ganzen Sätze – ich habe um ½ 2 Feierabend.
Können wir auch in der Kantine arbeiten?
Wenn ihr nicht nur ans Essen denkt...
Kannst du die Aufgabe noch mal erläutern?
Gern – sonst fühle ich mich so nutzlos.
Sollen wir auch die Verhaltensbeschreibung von Klaus bearbeiten?
Ein Blick an die Tafel würde genügen.
Ich begreife das irgendwie alles nicht!!!
Aua!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

(Leider ist es mein Prinzip, nicht vor 18 Uhr zu saufen)



3. ERLEBNISBERICHT EINES TUTORS ÜBER SEINE SINNVOLLE KOMPETENTE TÄTIGKEIT ANLÄSSLICH EINES PRAXIS-BESUCHES


Der Werdegang zur Sozialpädagogischen Assistentin/zum Sozialpädagogischen Assistenten sieht neben der fachtheoretischen Unterweisung eine umfassende praktische Ausbildung vor, die unter der kompetenten Anleitung pädagogischer Profis in Kitas durchgeführt wird. Als Tutor habe ich diese Ausbildung durch regelmäßige Besuche zu begleiten und mir ein Urteil zu bilden über die Qualität der Anleitung und die Leistungen der PraktikantInnen. Es war mir schon immer ein wichtiges Anliegen, dem fachunkundigen aber interessierten Laien einen Einblick in die Arbeit eines Tutors zu ermöglichen. Das Protokoll eines Praxisbesuches lässt nur vage erahnen, wie mühevoll die Tutorentätigkeit sein kann. Widrigkeiten auf vielen Ebenen menschlichen Seins stellen sich hartnäckig dem Bedürfnis des Tutors in den Weg, seine Aufgabe verantwortungsbewusst durchführen zu können. 
                                                 
Um 10.00 Uhr betrete ich pünktlich die Kita. Am Anfang des Semesters (vor ungefähr 7 Wochen) hatte ich der Praktikantin (Claudia) meinen Besuchstermin mitgeteilt mit dem Auftrag, diesen an ihre Anleiterin (Bettina) weiterzuleiten. Ich wühle mich durch einen Haufen schreiender und wild herumlaufender Kinder bis zu dem Gruppenraum durch, in dem ich Claudia und Bettina vermute. Nachdem ich Bettina – in einer Traube von Kindern versteckt – ausfindig gemacht hatte, begrüße ich sie mit einem fröhlichen „moin moin“, worauf sie mich verwirrt und fragend ansieht. Als sie sich dann aus der Umklammerung von sieben Kindern befreit hatte, meint sie, ich solle doch in Zukunft meinen Besuch ankündigen, dann könne sie sich besser darauf einstellen. Als ich ihr sage, dies sei über Claudia geschehen, meint sie nur, sie wisse von nichts; und außerdem sei Claudia gerade mit einer Kollegin und einer anderen Gruppe auf den Spielplatz gegangen; und es würde ihr eigentlich besser passen, wenn ich in zwei Wochen noch mal wiederkäme. Als ich dann feststelle, dass ich nicht beliebig viele Termine zur Auswahl hätte und mich außerdem durch die Hamburger Innenstadt gewühlt hätte und insgesamt 25 Kilometer gefahren sei, lässt sie sich breitschlagen, jemanden loszuschicken, um Claudia vom Spielplatz zu holen. Dann werde ich im Mitarbeiterzimmer abgesetzt und mit Kaffee und Keksen vertröstet. Nach ungefähr 30 Minuten kommt Claudia verlegen grinsend und mit hochrotem Kopf herein und muss zugeben, sie habe die Weiterleitung des vereinbarten Termins „leider total vergessen.“ Dann dauert es noch einmal 15 Minuten, bis Bettina eine Vertretung organisiert hat.

Als wir dann endlich zu Dritt zusammensitzen, sage ich, nun könnten wir ja endlich beginnen, ein ausführliches Gespräch über die Arbeit von Claudia, ihre Leistungen und mögliche Probleme zu führen. Daraufhin meint Bettina mit leicht gereiztem Unterton, sie könne bei dem „ausführlichen Gespräch“ leider nur 15 Minuten anwesend sein, da sie auf Grund meines überraschenden Besuches organisatorisch nicht hätte entsprechend disponieren können. Professionell bin ich entsetzt darüber, meine Aufgabe nicht ausreichend erfüllen zu können, persönlich bin ich jedoch erleichtert, da ich inzwischen irgendwie keinen Bock mehr auf ein tief schürfendes pädagogisches Gespräch mehr habe. Also gehe ich zunächst die Checkliste der Formalitäten durch (z.B. Fehlzeiten u.ä.). Dann frage ich Bettina, ob sie absprachegemäß die Ausbildungsrichtlinien für das laufende zweite Semester im Einzelnen mit Claudia besprochen habe (die entsprechenden Unterlagen für die gesamte Ausbildung hatte ich Bettina in Kopie bei meinem ersten Besuch im ersten Semester übergeben). Bettina meint, sie wisse nichts von Ausbildungsrichtlinien und als Reaktion auf meinen entsprechenden Hinweis wühlt sie erfolglos vier Aktenordner durch. Als alter Hase sehe ich so etwas vorher, also ziehe ich mein eigenes Exemplar der Ausbildungsrichtlinien hervor und meine, dieses könne ja jetzt noch einmal kopiert werden. Bettina bedauert und weist daraufhin, dass der Kopierer zurzeit defekt sei – ich möge doch die Unterlagen Claudia nächste Woche mitgeben.
Ich weise Bettina auf die wichtigsten Punkte hin, woraufhin sie beflissen mit dem Versuch eindringlicher Überzeugungskraft meint, Claudia würde die entsprechenden Anforderungen bisher alle ganz hervorragend erfüllt haben. Als ich dann noch so indiskret bin, nach der regelmäßigen Durchführung von Anleitungsgesprächen zu fragen, wird Bettina immer nervöser und erklärt mir, dass auf Grund ständiger personeller Engpässe die Anleitungsgespräche nicht in dem Umfang und nicht so regelmäßig bisher hätten stattfinden können, wie sie sich das gewünscht hätte; aber Claudia könne sie jederzeit ansprechen, und es gäbe ja sowieso keine Probleme. Und außerdem müsse sie sich jetzt leider verabschieden – wegen besagter Engpässe. Mit Bettina war also alles Wichtige besprochen, und ich widme mich nun der Praktikantin Claudia.

„Wie läuft´s denn hier so?“
„Gut“
„Gibt es denn aus deiner Sicht irgendwelche Probleme oder Schwierigkeiten im Umgang mit einzelnen Kindern oder einzelnen Situationen?“
„Nö, eigentlich nicht.“
„Eigentlich ist eine Einschränkung?!“
„Also nee, ich meine überhaupt nicht.“
„Nimmt sich Bettina genügend Zeit für dich, wenn du Fragen hast?“
„Ich habe eigentlich keine Fragen.“
„Du weißt ja, dass du in diesem Semester auch regelmäßig eigene Ideen entwickeln sollst, was du mit den Kindern machen kannst; erzähl´ doch mal, was da bisher so gelaufen ist.“
„Also ich bastel immer mit den Kindern, und manchmal lese ich ihnen auch was vor.“
„Kannst du mir etwas darüber erzählen, was für Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern für dich bisher besonders wichtig waren?“
„???“
„Also ich meine, was hast du bisher so gelernt: was kannst du gut, was weniger gut, was bringt dir Spaß, was weniger Spaß?“
„Also – ich bastel gern.“
„Und was bastelst du gern?“
„Och – eigentlich alles.“
„Und was hast du denn in der Arbeit mit Kindern so über dich selbst erfahren – über deine Stärken und Schwächen, über deine Grenzen?“
„???“
„Ich meine, wie kommst du mit den Kindern so zurecht?“
„Gut“
„Die Kinder in deiner Gruppe scheinen ja alle ziemlich pflegeleicht zu sein.“
„Ja – nur mit Christian muss ich manchmal schimpfen, wenn er nicht tut was ich sage.“
„Was heißt schimpfen?“
„Bettina hat gesagt, ich soll ruhig mal lauter werden, wenn er nicht gehorcht.“
Claudia guckt auf die Uhr und weist mich darauf hin, dass sie wieder in die Gruppe müsse – Ostereier anmalen. Da ich von der Unergiebigkeit des Gesprächs und der Dämlichkeit der Praktikantin sowieso die Schnauze voll habe, verabschiede ich mich mit dem Hinweis, dass das heute leider alles etwas ungünstig gelaufen sei. Bei meinem nächsten Besuch würde ich dann mit ihr und Bettina umfassender und detaillierter über ihre pädagogische Arbeit sprechen.

Ich weiß natürlich jetzt schon, dass Claudia keine tieferen Gedankengänge zu entlocken sind, aber sie ist ja – bis auf gelegentliches Schimpfen – mit den Kindern immer sehr lieb und nett, und darauf kommt es ja schließlich an. Wer den Kindern nicht offensichtlich schadet, absolviert die praktische Ausbildung mit Erfolg. Alle darüber hinaus gehenden Ansprüche gelten in sozialpädagogischen Fachkreisen als unmenschlich. Da Bettina sicherlich ahnt, dass ich ihr beim nächsten Besuch ausgiebig auf den Zahn fühlen werde, wird sie darauf vorbereitet sein und mit der Überzeugungskraft pädagogischer Fachkompetenz über ihre Anleitungstätigkeit schwadronieren und die Arbeit der Praktikantin in höchsten Tönen loben – sprich: Sie wird das Blaue vom Himmel herunter lügen.


Am Ende des Semesters erfolgt dann der Freispruch aus Mangel an Beweisen!



4. OFFENER BRIEF AN GOTT


Es gibt Unterrichtsinhalte, bei deren Bearbeitung die SchülerInnen durch meine Äußerungen den Eindruck gewinnen, ich sei gottlos und pessimistisch. Diese Einschätzung beruht auf Missver-ständnissen. Als Beweis für das Gegenteil lese ich meinen SchülerInnen dann einen kurzen Brief vor, den ich an GOTT geschrieben habe (an einen nicht – existenten Empfänger würde ich doch keinen Brief schreiben); und Optimist bin ich auch: dass GOTT nämlich seinen Fehler einsieht und ihn noch vor dem Weltuntergang behebt. Die SchülerInnen werden dadurch angeregt, in langfristigen Perspektiven zu denken.       


Lieber GOTT,

Dein Projekt „Mensch“ ist gescheitert.
Warum?!


1. Wir vermehren uns planlos und exzessiv.

2. Wir machen kaputt, was Du mühevoll aufgebaut hast.

3. Wir konsumieren nur, aber niemand profitiert von unserer Existenz.

4. Unser Körper ist unzweckmäßig und  unser Gehirn wenig brauchbar


              wir sind nicht fähig, die Probleme zu lösen, die wir
                  selbst geschaffen haben

              wir können großartige Ideen produzieren, aber wir scheitern
                  an den kleinen Herausforderungen des Alltags

              wir sind technische Riesen und moralische Zwerge


Wenn Du mir nicht glaubst, lieber GOTT, empfehle ich Dir, einige Tage an der FSP 2 zu hospitieren; nimm teil an Unterrichtsstunden, Konferenzen, der Organisation von Stunden – und Raumplänen u.ä., der Ausgabe des Mittagessens in der Cafeteria und bewerte die Zustände in den diversen Räumlichkeiten nach hygienischen und ökologischen Kriterien. So oder so ähnlich oder noch viel schlimmer sieht es überall auf der Welt aus. Du wirst Dich mit Grausen abwenden, den Menschen als auslaufendes Modell betrachten und Dir vielleicht ein erfolgreicheres Produktdesign ausdenken. Es hat ja durchaus Prototypen gegeben, auf die Du stolz sein konntest, aber zur Serienproduktion ist es nie gekommen.

Ich wünsche Dir viel Erfolg bei der Neuentwicklung eines soliden Modells, das kompatibel ist mit Deiner ansonsten so großartigen Produktpalette. Herzliche Grüße, Dein Jan!


Ich erhielt von GOTT ein Telegramm:

Lieber Jan, habe die FSP II und andere Gegenden der Erde besucht.
I will do my very best, sobald ich wieder nüchtern bin. GOTT


5.  ALTERNATIVE VERFASSUNG DER BRD


Ein „68 – er“, der verspätet zu seiner wahren Berufung gefunden hatte, mahnte im Unterricht mit nervtötender Penetranz und Häufigkeit eine „gesamtgesellschaftliche Analyse“ an, die die Basis jeder noch so banalen psychologischen Alltagsweisheit sein müsse. Um meine Ruhe zu bekommen, habe ich seinem Begehren schließlich entsprochen.                                                                            


§ l   Die Würde des Geldes ist unantastbar

§ 2  Die Freiheit des Einzelnen zur Ausbeutung Anderer
       darf nicht eingeschränkt werden

§ 3  Das Recht auf ausgewogene Meinungsäußerung wird garantiert

§ 4   Frauen und Kinder dürfen gegenüber Haustieren nicht
        benachteiligt werden

§ 5   Wachstum ist das Maß aller Dinge

§ 6   Jeder Mann kann ein politisches Amt anstreben;  fachliche und
        moralische Kompetenz wird nicht  erwartet

§ 7   Umweltschutz genießt nach technischem Fortschritt und
        Konsum absoluten Vorrang    

§ 8   Der Leistungswille darf nicht durch soziale Sicherheit
        gelähmt werden

§ 9   Die demokratischen Grundrechte dürfen einzig und
        allein zum Zweck ihrer Erhaltung abgeschafft werden

§10  Es gibt  echte  und amerikanische  Freunde; letztere sind
        für alle verbindlich



6. ABSCHIEDESREDE FÜR EXAMENSKLASSEN


Ein – bis zweimal im Jahr galt es Abschied zu nehmen – entweder als Klassenlehrer oder als Fachlehrer – von Klassen, die ich lange genug gequält habe. Trotz meines Unterrichts hatten die SchülerInnen das Examen bestanden. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll, mir für diesen Anlass jedes Mal etwas Neues als Abschiedsrede ausdenken zu müssen (ich war lange genug Opfer meines Anspruchs an Originalität). Also entwarf ich eine Rede von ewiger Gültigkeit.                      


Ihr lieben pädagogischen Frischlinge !

Ihr gehört nun zu den beneidenswerten Menschen, die ihren Charakter zu Geld machen. Denn gerade Eure wesentlichen Eigenschaften sind es ja, die Euch dazu befähigen, Euch in Zukunft mit den Kindern fremder Leute abzugeben: Starke Nerven, Opferbereitschaft, grenzenlose Geduld, Leidensfähigkeit und materielle Genügsamkeit – getreu dem Motto: Jede Not ist genießbar, wenn man aus ihr nur eine Tugend macht.

Einen weiteren Hinweis möchte ich voranstellen: Sollte jemand von Euch irgendwelche satirischen Übertreibungen oder bösartigen Verallgemeinerungen entdecken, liegt entweder eine Wahrnehmungsstörung vor oder eine emotionale Funktionsstörung, die Euch dazu verleitet, hinter jedem ernsthaften Gedankengang nur das Lächerliche zu entdecken.

Ihr habt nun eine schweißtreibende Berufsausbildung hinter Euch gebracht, die – wie allgemein bekannt – für Eure berufliche Qualifikation bestenfalls eine unbedeutende Nebenrolle spielt. Ich habe mich zwar intensiv abgestrampelt, auf diesem Nebengleis Eurer Lebensgeschichte ein wichtiger Güterzug – beladen mit psychologischen und pädagogischen Weisheiten – zu sein, das war aber nichts gegen die eigentlichen Grundlagen und Regeln Eures Berufes, die ich Euch heute mitgeben möchte, da nun nichts mehr schiefgehen kann. Um die relative Bedeutung meiner heutigen Ausführungen zu erhöhen, möchte ich die relative Bedeutungslosigkeit Eurer Ausbildung mit einem kleinen Zahlenspiel belegen: Wie viel Prozent des Stoffes habt Ihr behalten? Nehmen wir an, dass Ihr wissensdurstige und Gedächtnistrainierte Menschen seid – ich setze also einen Wert von 20% an; das ist immerhin das Mehrfache dessen, was ich selbst am Ende meines Studiums rekapitulieren konnte. Gehen wir weiterhin davon aus, dass mindestens 50% Eures verbliebenen theoretischen Wissens von einer widerspenstigen Wirklichkeit ad absurdum geführt wird; nun die entscheidende Frage: Wie viel von dem, was übrig bleibt, könnt Ihr in Eurem beruflichen Alltag nutzbringend einsetzen? Ich will nicht allzu kritisch sein und annehmen, dass 20% davon ein brauchbares Handwerkszeug abgeben. Fairerweise müssen wir zuletzt all die psychologischen und pädagogischen Weisheiten abziehen, die so selbstverständlich sind, dass sie sich mit Eurem Alltagswissen decken, und die somit keine berufliche Ausbildung erfordert hätten. Diese gesammelten Banalitäten machen schätzungsweise 90% des noch verbliebenen nutzbringenden Wissens aus. Weiterhin ist die Tatsache zu berücksichtigen, dass erworbenes Wissen nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:20 zu Verhaltens – und Einstellungsänderungen führt; mit anderen Worten: Ihr habt Euch lange Zeit abgerackert für einen Veränderungseffekt von 0,1 ‰ – oder anders ausgedrückt: Die Chance, dass Eure Ausbildung Euch konstruktiv beeinflusst hat, beträgt 1:10000. Da dieser Wert im statistischen Zufallsbereich liegt, bleibt nur eine deprimierende Schlussfolgerung: Die Ausbildung ist weder notwendig, noch zweckmäßig, noch wirtschaftlich. Hoffentlich spricht sich das nie bis zur Schulbehörde herum! Mit dieser Beweisführung habe ich nun endlich mein gequältes Selbstverständnis als Lehrer beichten können.

Weder die Ausbildung noch die Kinder werden Eurem zukünftigen beruflichen Werdegang und Glück im Wege stehen, wenn Ihr einige Tatsachen, Regeln und Gebote beachtet, die die Grundlage Eurer Professionalität bilden.

1.  Alles Wissen, das im Rahmen einer sozialpädagogischen Ausbildung erworben wird, verliert mit der Zeit an Bedeutung.

Am Anfang der Ausbildung wart Ihr noch ahnungslos, und so konnte ich Euch vormachen, es ginge darum, etwas zu lernen. Wie hätte ich Euch sonst bei der Stange halten können? Nun wisst Ihr die Wahrheit: Es ging lediglich um den Erwerb einer formalen Berechtigung. Aber dieses Ziel gibt der Ausbildung einen durchaus hinreichenden Sinn, wissen wir doch alle, dass es in Deutschland für das berufliche Fortkommen – genau wie auf dem Klo – das Schlimmste ist, ohne Papier zu sein.

2. Du kannst alles erreichen

Die fehlenden Berufserfahrungen werden durch diesen Glauben mehr als ausgeglichen. Nutzt diese Zeit der Unerfahrenheit, noch ohne Beeinträchtigung durch die Realität träumen zu können. Die Menschen und die Welt zu verbessern, sollte Euer Minimalziel sein.

3. Glaube unerschütterlich an Deinen gesunden Menschenverstand.

Haltet Euch nie in den Niederungen fachlichen Detailwissens auf. Sachverstand und Wissenschaftlichkeit sind von menschenverachtender Kälte und degradieren das Kind zum Objekt aufdringlicher Neugier. Eure wahre Kompetenz liegt in Eurer menschlichen Ausstrahlung und moralischen Unantastbarkeit. Deshalb könnt Ihr Euch darauf verlassen, dass in jeder Situation die erste spontane Eingebung durch Euren gesunden Menschenverstand das optimale Verhalten gewährleistet.

4. Das Grundprinzip Deiner Einstellung gegenüber Kolleginnen und Müttern sei Vorsicht, Vorsicht und noch mal Vorsicht.

Frauen sind aufeinander neidisch und gönnen sich gegenseitig nichts. Eine große Gefahr geht von der Tatsache aus, dass Eure Kolleginnen und besonders die Mütter der Euch anvertrauten Kinder grundsätzlich alle pädagogischen Weisheiten mit Löffeln gefressen haben. Sie fühlen sich durch Euren unfehlbaren Charakter zutiefst provoziert und lassen es deshalb an penetranten Ratschlägen und besserwisserischer Kritik nicht fehlen. Hört nicht auf diese arroganten Typen, die alle behaupten, nur das Wohl der Kinder im Auge zu haben. Wenn Ihr gut aufpasst, können sie Euch nicht irre machen. Eine Auseinandersetzung sind die pädagogischen Argumente nicht wert, ein wissendes Lächeln sollte als Antwort genügen.

5. Sei aufopferungsvoll, hingabefreudig und bescheiden.

Angesichts Eurer zukünftigen Bezahlung bleibt Euch gar nichts anderes übrig, als den materiellen Notstand durch Idealismus auszugleichen. Mutter Teresa hätte angesichts Eurer Nächstenliebe Minderwertigkeitskomplexe bekommen. Denkt immer an eines: Das Lachen zufriedener Kinder macht zwar nicht satt aber glücklich.

6. Mache Dir 10 Sicht - Weisen zu Eigen, die Dich als geistig – seelisches Bollwerk vor den Feinden Deines täglichen Glücks schützen:

-  die Einsicht, dass Du gebraucht wirst
-  die Rücksicht auf den guten Willen und die fehlenden
   Mittel Deines Arbeitgebers
-  die Vorsicht vor Allem und Jedem
-  die Nachsicht gegenüber den kleinen Teufeln, die Euch das
    Leben zur Hölle machen wollen
-  die Absicht, sich bedingungslos einzusetzen und notfalls
   auf Nahrung und Schlaf zu verzichten
-  die Übersicht zu behalten, wenn 10 Kinder gleichzeitig
   etwas von Dir wollen, 5 nicht aufzufinden sind, und die
   restlichen 5 das Mobiliar in handliche Teile zerlegen
-  die Aussicht auf das vorzeitige Erreichen des Rentenalters
-  die Zuversicht, dass Deine robuste Gesundheit durch nichts
   zu zerstören ist
-  die Klarsicht, mit der Du auch die kompliziertesten sozialen
   Situationen und verrücktesten Verhaltensweisen blitzschnell und
   korrekt analysieren kannst
- die Weitsicht, dass die Zukunft erfahrungsgemäß rosig ist 

Alle Kinder weisen problematische Merkmale auf, die Eure Nerven strapazieren und Euch manchmal Euren Job mühselig bis beschissen empfinden lassen können, sodass selbst die eben beschriebenen Sichtweisen ihre Schutzfunktion zu verlieren drohen. Hier nenne ich die wichtigsten Merkmale, damit ich mir später nicht sagen lassen muss, ich hätte Euch nicht vor dem Unterschreiben eines Arbeitsvertrages gewarnt.

1. Kinder machen Lärm

Die Erfinderin von OROPAX – Ohrenstöpseln war eine Erzieherin. 20 Fünfjährige auf einem Haufen erzeugen einen Lärmpegel, gegen den das Triebwerk eines Jumbos mit seichtem Blätterrauschen vergleichbar wäre. Ich habe von einem Erzieher gehört, der vorher eine Ausbildung als Schuster und eine als Arzt absolviert hatte und dem es gelungen ist, Trommelfelle aus Leder zu entwickeln.

2. Kinder sind widerspenstig und uneinsichtig

Das Unvernünftige zu tun, ist bei Kindern bis zum 18. Lebensjahr ein genetisches Verhaltensprogramm. Alle Eure Appelle an die Vernunft werden durch das Verhalten dieser Kinder der Lächerlichkeit preisgegeben. Der einzige zu empfehlende Selbstschutz besteht darin, die Hoffnung aufzugeben und die Zeit bis zum Erwachsensein abzu-warten.

3. Kinder sind dreckig und unordentlich

Schmutz und Chaos sind die einzigen Bedingungen, unter denen Kinder sich wohlfühlen. Die einzige Chance, dessen Herr zu werden, besteht darin, Reinigungsmittelhersteller als Sponsoren für Kitas zu gewinnen und dem Chaos die positive Konsequenz abzugewinnen, nicht aufräumen zu müssen – weil unmöglich.

4. Kinder suchen und entdecken Eure Schwachpunkte

Mit schonungsloser Energie ertappen die Kinder Euch bei Wider-sprüchen, Inkonsequenzen, kleinen Lügen und Momenten der Schwäche. Sie legen dann den Finger auf die Wunde, bohren mit diebischer Freude darin herum und hören erst auf, wenn Ihr um Gnade winselt und als tägliche Mahlzeit Spaghetti mit Fischstäbchen, Pommes, Ketchup und Gummibärchen versprecht.

5. Kinder sind faul

Alle Kinder wissen, dass sie eines Tages so viel Geld verdienen, dass sie sich für die Erledigung jeder Unbequemlichkeit Dienstpersonal leisten können. Bei Euch üben sie schon mal wie das geht. Um Eure professionelle Hilfsbereitschaft auszunutzen, stellen sich alle Kinder grundsätzlich blöd an, nur um nichts Unangenehmes selber tun zu müssen.

6. Kinder sind egoistisch und aggressiv

Kinder wissen, dass sich die Welt um die Befriedigung ihrer Bedürfnisse dreht und schlagen alles kurz und klein, wenn Ihr als Vertreterinnen dieser Welt das einmal vergessen solltet. Das hysterische Geplärre, Getrete, Gezanke und Gezerre ist nur dann zu ertragen, wenn Ihr das als Zeichen gesunder Willensstärke interpretiert.

7. Kinder sind liebenswert

Das macht das Ganze besonders schlimm, da Ihr ihnen niemals ganz ernsthaft böse sein könnt. Ich kann Euch nur nahe legen: Lasst diesen kleinen Teufeln keine Schweinerei durchgehen, aber verzeiht ihnen alles. Das Liebenswerte der Kinder besteht in dem kreativen und emotionalen Reichtum ihrer Welt, die mitzuerleben, zu verstehen und zu teilen Euch hoffentlich viele Jahre vergönnt sein wird und Euch bereichert.

Ich möchte schließen, indem ich Euch für Eure Zukunft eine Bitte und einen Wunsch mit auf den Weg gebe:

Bleibt Euch selbst treu auf Eurem eigenen Weg; der Kompass für die Richtung liegt in Eurem Herzen. Ich wünsche Euch die Kraft zu zweifeln, die Neugier Fragen zu stellen, den Mut Fehler zu machen, die Stärke, Irrtümer auszuhalten und einzugestehen, das Selbstvertrauen, Probleme lösen zu können, eine Bescheidenheit, die Euch realistisch bleiben lässt und die Lebendigkeit, Euch selbst zu bejahen und für die Kinder Partei zu ergreifen.                         Euer Jan





7. SPRACHBLÜTEN



Im Jahre 2002 sind für die Ausbildungsgänge an den Fachschulen für Sozialpädagogik neue Fächer ins Leben gerufen und benannt worden. Nach zwei Jahren nun hat mein gequältes Sprachzentrum von meinem Schweigen die Schnauze voll und zwingt mich, den intellektuellen Schmerz jedenfalls teilweise rauszulassen. Obwohl alle neuen Fächerbezeichnungen – über die Formulierungen der sog. Lernfelder und deren Inhalte will ich weiterhin den diskreten Mantel des Schweigens ausbreiten – einer sachlichen und/oder satirischen Analyse wert sind, möchte ich mich hier nur mit den zwei größten Hämmern auseinandersetzen.                                                                         


I) Das Fach heißt Sprache und Kommunikation. Man bemerke: ...und...!!! Zunächst: Nicht jede Form der Kommunikation ist sprachlich, aber jeder sprachliche Ausdruck ist Kommunikation. Ein Begriff, der eine übergeordnete Kategorie bezeichnet (Kommunikation) und ein Begriff, der einen Spezialfall dieser Kategorie bezeichnet (Sprache) können logischerweise nicht mit „und“ verbunden werden. Geschieht dies trotzdem, kann das nur heißen, dass Sprache keine Unterkategorie von Kommunikation ist. In Ordnung wäre: Elefanten und Schildkröten oder Elefanten und andere Tiere. Absurd ist: Elefanten und Tiere. Falls mein bisheriger Gedankengang sprachlich einfach strukturierten Mitmenschen immer noch nicht einleuchtet, werde ich weitere Beispiele anführen, sodass selbst den Dümmsten ein Licht aufgeht:

Bei meinem letzten Spaziergang begegneten mir viele Frauen und Menschen. Diese Formulierung mag am Stammtisch von Männern als witzig empfunden werden, denn so primitiv sind selbst Männer nicht, dass sie die diffamierende Bedeutung dieser Aussage nicht erkennen könnten. (Sind Frauen nun Menschen oder nicht?) Je nach politischer Couleur könnte im Rahmen einer kabarettistischen Veranstaltung auch folgende Formulierung als satirisch gelungen angesehen werden: …Amerikaner und Menschen...! Es gab in der deutschen Geschichte eine Zeit, in der die menschenverachtende Klassifizierung Juden und Menschen  durchaus so gemeint und kein sprachlicher Irrtum war.

Nun höre ich schon das Geschrei der sprachkompetenten Fachmenschen: „JA – ABER...!“ Und sie wollen mir erzählen, dass Sprache eben nicht nur einen Mitteilungs-, sondern auch einen formalen Aspekt hat, nämlich das Regelwerk (Grammatik, Orthographie, Syntax), und dass deshalb „Sprache und Kommunikation“ sinnig sei. Nun: Ausdruckstanz ist auch eine Form von Kommunikation und beinhaltet zweifellos auch Aspekte motorischer Kompetenzen. Wäre deshalb „Ausdruckstanz und Kommunikation“ sinnvoll? Nein. Eine korrekte – wenn auch nicht vollständige – Fachbezeichnung könnte lauten:  „Kommunikative und motorische Aspekte des Ausdruckstanzes und die Regeln der Sprache.“ Diese Formulierung ließe sprachlogisch nichts zu wünschen übrig, wäre aber irgendwie lächerlich. Das Fach sollte also schlicht und ergreifend „Kommunikation“ genannt werden. Kein noch so kompliziert denkender Mensch käme auf den absurden Gedanken, damit die Bearbeitung der Inhalte auszuschließen, die keinen unmittelbaren  Mitteilungscharakter haben, aber doch in engem Zusammenhang damit stehen. Als es noch das schlichte Fach „Psychologie“ gab, habe ich in dessen Rahmen durchaus auch die verworrenen und erheiternden Gedankengänge gewisser Fachleute bearbeitet – und das Fach hieß nicht: „ Psychologie und die originellen sprachlichen Auswüchse im Bildungsplan und die spaßigen Vorgänge an der FSP.“    

Zum Ausgangspunkt zurück: Die Absurdität der Fachbezeichnung Sprache und Kommunikation fällt wahrscheinlich deshalb nicht so auf, weil diese Formulierung – im Gegensatz zu den logisch auf derselben Ebene liegenden Beispielen im vorigen Absatz – ausgesprochen harmlos ist. Wem tut das schon weh außer pingeligen sprachlichen Erbsenzählern? Erschreckend finde ich allerdings, dass dieser Mist von kompetenten Fachleuten für die deutsche Sprache verzapft worden ist.

II)  Das Fach heißt Kreative Gestaltung...  Nun ist allgemein bekannt, dass ein Substantiv (oder ein Verhalten) nur mit Eigenschaftsbegriffen beschrieben werden kann, wenn deren Gegenteil ebenfalls sinnvoll und möglich wäre und deshalb logischerweise verwendet werden könnte. Eine unkreative Gestaltung gibt es nicht. Die Fachbezeichnung ist also genauso blödsinnig wie der „weiße Schimmel“ und die „brutale Vergewaltigung.“

Für die schleichende Verschlampung der Sprache gibt es eine fast unendliche Fülle verschiedener Beispiele – auch und gerade bei SchülerInnen und LehrerInnen an der FSP 2. Immerhin: Die Aus-wirkungen der Dystrophie der cerebralen Zentren für Sprache und logisches Denken haben durchaus Unterhaltungswert.





 8. ZENSURENKONFERENZ ODER: DER TANZ UM DIE ZAHLEN                      



Immer am Semesterende findet an der FSP 2 eine Veranstaltung statt, die je nach Persönlichkeitsstruktur als sakrale Handlung von weltbewegender Bedeutung oder als nervtötend – langweilige Pflichtveranstaltung angesehen wird: die Zeugniskonferenzen. Wie man auch immer zu diesen Events stehen mag – es finden auf jeden Fall immer merkwürdige, ärgerliche oder witzige Ereignisse statt, über die ich exemplarisch berichten möchte. Bemerkenswert ist auch, wie sich anlässlich dieser Veranstaltungen die teilnehmenden Lehrkräfte bezüglich ihrer Charaktereigenschaften outen. Da prallen Welten aufeinander: z.B. die verständnistriefenden Weicheier und die auf Formalien fixierten harten Hunde. Zusammen mit anderen Charakteren entsteht dann ein explosives Gemisch. Der Pulverdampf der Explosionen verzieht sich jedoch erfahrungsgemäß sehr schnell, sodass Gott sei Dank niemand irgendwelche Veränderungen für nötig hält und man sich deshalb immer wieder auf dieses gruppendynamische Highlight freuen kann.                                                                                 

Laut Plan soll die Konferenz um 14.00 Uhr beginnen. Um 14.30 macht sich vor der verschlossenen Tür unter den wartenden KollegInnen schon eine ungeduldige und spannungsgeladene Atmosphäre breit. Es fallen Sätze wie: Wann fängt denn diese Scheiße endlich an – werden denn die da drinnen gar nicht mehr fertig – ich will hier nicht übernachten – da werden mal wieder aus Mücken Elefanten gemacht. Plötzlich steckt eine Kollegin ihren hochroten Kopf aus der Tür und sagt mit verweinten Augen und erstickter Stimme: „Das kann noch dauern, wir haben einige Problemfälle.“ Das heißt, es geht wie immer um Leben und Tod. Unter Protestgeschrei und mit obszönen Bemerkungen ziehen sich einige KollegInnen ins sauerstofflose Raucherlehrerzimmer zurück und dopen sich mit Zigaretten und Kaffee. Um 16.00 endlich teilt uns ein Kollege mit einem weinenden und einem lachenden Auge mit, dass sie fertig sind – das bedeutet, dass ein Schüler nicht mehr zu retten war, während eine andere Schülerin erfolgreich reanimiert werden konnte. Die Klassenlehrerin teilt uns freudestrahlend mit, dass sie fast alle Zensuren bekommen hätte, dass aber - typischerweise - die Kolleginnen und Kollegen der Kreativabteilung (Kunst, Handwerk, Musik, Bewegung) immer noch nicht mit ihren Zensuren rübergekommen seien. Es fehlen noch die Noten für die Lernfelder 96 bis 100: Dünnbrettbohren, Schaum-schlagen, schräge Töne, Bauchtanz, Trittbrettfahren. Ein Kollege murmelt was von Schlamperei und schlägt vor: „ Die hocken bestimmt zuhause und wissen von nichts – ruf doch mal an.“ Nach 30 Minuten Telefonieren ist alles im Kasten.

Nun erhebt sich die entscheidende Frage: erst die Zensuren vorlesen und dann die Problemfälle oder umgekehrt. Die Mehrheit entscheidet sich für Letzteres. Der für seine Sachlichkeit berüchtigte Psychologe (Neider sprechen von Gefühlskälte) bemerkt: wenn man nicht jede für die SchülerInnen unangenehme Tatsache als Problemfall ansehen würde, könne man viel Zeit sparen. Eine hypersensible Sozialpädagogin weist das empört zurück; es gehe hier schließlich um Schicksale und Existenzen, und ob er als Psychologe noch nie etwas von emotionaler Nähe und Nestwärme gehört habe. Die gruppendynamisch trainierte Vorsitzende ahnt die drohende Eskalation und bittet mit entschuldigendem Blick darum, nicht weitergehend über den Unterschied von Problemen und Tatsachen zu diskutieren; sie fragt die Klassenlehrerin, welche SchülerInnen denn gefährdet seien. Antwort: „Nadine hat fünf Fünfen und Max hat sein Praktikum nicht bestanden. Die beiden warten draußen und möchten von der Konferenz gehört werden. Außerdem gibt es noch fünf weitere schwierige Fälle, die die betreffenden FachkollegInnen unbedingt selbst darzustellen wün-   schen.“

Es wird der Fall Nadine Trauernicht verhandelt.

Ein Kollege, der grundsätzlich keinen Durchblick hat, fragt die Vorsitzende, worum es denn nun eigentlich gehe. Während diese verzweifelt in einem Stapel Papier nach der Prüfungsordnung sucht, kommt ihr der Fachkollege von „Gesellschaft und Recht“ zuvor (gescheiterter Jurist, Zyniker und notorischer Rechthaber) und erläutert: „Für alle, die es immer noch nicht begriffen haben: Es geht um die mögliche Anwendung von § 6, Abs. 3 APO – FSH, also ob die desaströsen Leistungen der Schülerin mit ihrem schrecklichen Schicksal und akutem Leidensdruck zutun haben und man davon ausgehen kann, dass sie im nächsten Semester ein glücklicher und damit leistungsfähiger Mensch ist, oder ob hier einfach nur Dummheit oder Faulheit vorliegt.“ Die schon erwähnte hypersensible Sozialpädagogin kreischt betroffen, dass diese polemische Formulierung nicht dem moralischen Anspruchsniveau der Schule entspreche.

Nadine wird reingeholt und auf den „Heißen Stuhl“ gesetzt. Sie schildert in ausschweifenden und bewegenden Worten alle Details ihrer schweren Kindheit und dass ihr Freund sie vor einem halben Jahr verlassen habe und sie sich seitdem mit nichts anderem als ihrem Liebeskummer beschäftigen könne. Ein zartbesaiteter Kollege – von dem schon erwähnten Psychologen als weinerliches Weichei bezeichnet, von den Frauen geliebt, weil er so schön weinen kann – bekommt einen Heulkrampf. Die notorisch gutgläubige Vorsitzende fragt Nadine, was sie denn gegen ihren Leidenszustand tue und ob sie sich wohl im nächsten Semester wieder ausreichend den schulischen Anforderungen widmen könne. Nadine legt eine Bescheinigung ihres Therapeuten vor, aus der hervorgeht, dass er sich seit acht Jahren um sie bemühe, und dass sie mit Beginn des kommenden Semesters als geheilt gelten könne. Ein für sein Misstrauen bekannter Kollege murmelt was von taktischem Kalkül und Gefälligkeitsbescheinigung. Der Psychologe pflichtet ihm sofort bei: er kenne Nadine aus dem Unterricht als dummdreist, und man solle ihre Bauernschläue nicht mit Intelligenz verwechseln. Nun entsteht eine hitzige Debatte, in der die Menschenbilder aufeinanderprallen. Schließlich setzt sich in einer Kampfabstimmung die Fraktion der chronisch Verständnisvollen  durch: Nadine wird versetzt.

Der in Erleichterte und Verbitterte gespaltene Lehrkörper führt sich als

zweiten Problemfall Max Klein

zu Gemüte. Dieser verteilt zunächst wortlos an alle Konferenzmitglieder ein zehnseitiges Schreiben seines Anwalts, in dem dieser sozialpädagogisch inkompetent aber juristisch eloquent darlegt, dass die „5“ im Praktikum nicht rechtens sei und hiermit per Widerspruch angefochten werde. Der Fachkollege von „Gesellschaft und Recht“ ist ganz aus dem Häuschen, dass es diesmal nicht um so etwas Irrationales wie die mögliche Anwendung von § 6 Abs.3 geht, sondern um handfeste Formalien ohne Gefühlsduselei.

Die Tutorin gerät über das Schreiben des Anwalts in einen unkontrollierten Erregungszustand und steht kurz vor einem Kreislaufkollaps. Nach einer halben Stunde im Ruheraum hat sie sich wieder gefangen und begründet ausschweifend die „5“. Das Wesentliche: Max habe 40% gefehlt, sei fast jeden Morgen zu spät gekommen, habe unangenehme Tätigkeiten verweigert und könne überhaupt mit Kindern nichts anfangen. Zur Sache selbst lässt Max sich nicht ein, aber er stellt anklagend und mit unterdrückter Wut fest, dass seine Anleiterin, die Tutorin und alle ihn unterrichtenden Lehrerinnen an der FSP ihm grundsätzlich feindselig gesonnen seien. „Da hat man als kleiner Praktikant doch sowieso keine Chance, und deshalb hat mir die Anleiterin erst drei Wochen vor Ende des Praktikums mitgeteilt, dass ich nicht bestehen würde; da konnte ich ja nichts mehr ändern, und die wollte mich durchfallen lassen.“ Vom Psychologen hört man „Mutterkomplex“, vom gescheiterten Juristen „formaljuristisch unkorrekt“, von der hypersensiblen Sozialpädagogin „der arme Kerl quält sich so mit seinem Hass“, vom chronisch ratlosen Kollegen „und was machen wir jetzt?“, von dem misstrauischen Kollegen „der lügt doch, dass sich die Balken biegen“ und von der Vorsitzenden „ich habe keine Lust auf langwierige juristische Auseinandersetzungen.“ Nach der zweiten Kampfabstimmung ergeht juristische Gnade vor inhaltlichem Recht: Max wird versetzt.

Der dritte Problemfall ist Violetta Schulze.

Die Kollegin A.V. beklagt sich mit tränenerstickter Stimme, dass die Schülerin sich in ihrem Unterricht 90 Minuten lang mit Zeitunglesen oder In-die-Luft-starren beschäftige. Unterrichtlichen Inhalten sei sie nicht zugänglich. Sie interpretiere das Verhalten der Schülerin auf Anraten ihres Supervisionsteams jedoch als Ausdruck tiefgreifender seelischer Konflikte und sehe deren überwiegend glasigen Blick als Hilfeschrei bei latenter Suizidalität. Selbstaufopfernd und trotzdem völlig erfolglos habe sie in der Schülerin durch ständiges Aktives Zuhören Leben entdecken und ihr aus ihrer inneren Isolation heraushelfen wollen, selbst das Angebot der Adoption sei nicht angenommen worden. Nun wünsche sie sich von der Klassenkonferenz Trost und Beistand. Allseits betroffenes Schweigen... Die Bemerkung eines brutalen Fachtheoretikers, ob Violetta vielleicht einfach nur unreif und zu blöd sei, wird mit verständnislosem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Eine andere Kollegin, die wirklich begriffen hatte, um was es hier geht, meint, eine disziplinarische Maßnahme würde die betreffende Schülerin vermutlich gänzlich zerstören, aber sie fühle sich im Moment genauso hilflos wie die Kollegin A.V. und schlage deshalb vor, dieses Problem auf einer Sonderkonferenz tiefschürfend zu behandeln. Frau A.V. stimmt dankbar, und die anderen KollegInnen erleichtert, zu.

Als vierter Problemfall wird Amanda Meyer-Sperling behandelt.

Der Kollege B.W. wünscht die Behandlung dieses Falles angesichts einer Fehlquote von 100%. Der hinterhältige Fachkollege der Soziologie bemüßigt sich festzustellen, dass es sich hier nicht um ein Problem, sondern um eine Tatsache handele, und die Konsequenzen lägen auf der Hand. Empörter Zwischenruf einer Sozialpädagogin: „Typisch Mann! So einfach kann man es sich nicht machen!“ Es entsteht ein großes Stimmengewirr, weil hier wieder sichtbar zwei Weltanschauungen aufeinanderprallen. Schließlich wird folgendes Ergebnis im Konferenzprotokoll festgehalten: 1. Die Schülerin wird um eine kritische Stellungnahme zum Ausbildungsangebot der FSP 2 gebeten; 2. Auf der nächsten allgemeinen LehrerInnenkonferenz soll darüber beraten werden, wie denn die Ausbildung so attraktiv umgestaltet werden könne, dass auch die Schülerin Amanda Meyer-Sperling einen Sinn in ihrer Anwesenheit erkenne.

Fünfter Problemfall: Hugo Männle 

Der Pädagoge Herr C.X. berichtet einleitend über sein Projekt zum Thema „weibliche Arroganz und männliche Demut - eine geschlechtsspezifische Paradoxie“. Der Kollege sehe den Schüler Hugo Männle insofern als Problemfall, weil er in der Klasse der einzige männliche Mensch neben 24 weiblichen Unmenschen sei. Gerade die Tatsache, dass dieser Schüler nur Einsen in seinem Zeugnis habe, deute für ihn auf eine besonders schwerwiegende Problematik hin, da der Schüler hier offensichtlich massive Potenzverlustängste durch ein zwanghaftes Leistungsstreben kompensieren müsse. Plötzlich spaltet sich die Klassenkonferenz in ein weibliches und ein männliches Lager - der an der FSP sonst mühsam unter Verschluss gehaltene Geschlechterkampf  kommt jetzt voll zum Ausbruch. Die sonst nur mit Wattebäuschchen bewaffneten Kolleginnen werden zu Furien: Der Kollege befleißige sich einer frauenfeindlichen Sprache („weibliche Unmenschen“), die wohl nur der Kaschierung seiner Potenzprobleme dienen könne. Die sich sonst hinter kühler Distanz versteckenden Machos solidarisieren sich plötzlich empfindsam und betroffen mit dem grausamen Schicksal des Schülers Hugo Männle. Gott sei Dank besinnt sich die Vorsitzende rechtzeitig auf ihre vermittelnden Fähigkeiten und beruhigt die erhitzten Gemüter mit dem Vorschlag, bei der nächsten allgemeinen Konferenz über Fortführung oder Aufhebung der Koedukation an der FSP 2 abstimmen zu lassen.

Es folgt der Fall Nummer sechs: Clothilde Tranig

Der Fachlehrer stellt fest, dass die Schülerin sieben Fünfen und zwei Sechsen im Zeugnis hat. Es gehe um die Frage einer ausnahmsweisen Versetzung gemäß APO. Die Schülerin warte draußen vor der Tür, um ihren Fall darzustellen. Als Unterstützung habe sie die beiden Klassensprecherinnen, ihre Eltern, ihren großen Bruder sowie ihren Lebensgefährten mitgebracht. Die Schülerin wird hineingebeten. Sie stellt - von Tränenausbrüchen geschüttelt - ihr deprivationsreiches Leben dar und erklärt schließlich ihre mangelhaften und ungenügenden Leistungen damit, dass Liebeskummer es ihr unmöglich gemacht habe, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Die Sensiblen unter den KollegInnen sind begeistert: Endlich können sie ihrer Mitleidsfähigkeit Ausdruck verleihen und sich als menschlich wertvoll darstellen. Der Lebensgefährte der Schülerin wird nun zur Problematik vernommen, um eine prognostische Abschätzung der zukünftigen Situation der Schülerin zu ermöglichen. Fazit: Ein Ende des Liebeskummers ist nicht absehbar. Die bereits erwähnten sensiblen Kolleg-Innen sind noch begeisterter angesichts der Chance, ein dauerhaftes Opfer ihres Beistandsbedürfnisses gefunden zu haben. Der für seine Emotionslosigkeit berüchtigte Psychologe bezweifelt die Anwendungsmöglichkeit des entsprechenden Paragraphen und murmelt etwas von „Berufsausbildung“ und „keine psychotherapeutische Einrichtung“ und „die SchülerInnen sind erwachsen“, aber er hatte die Stimmung wie üblich völlig falsch eingeschätzt. Es wird allgemein festgestellt, dass der Zustand des Erwachsenseins der Schülerin noch viel zu frisch sei, um sie darauf festnageln zu dürfen. § 6 Abs. 3 APO sei hier nicht juristisch sondern humanistisch zu interpretieren, und angesichts einer notwendigen Suizidprophylaxe seien die Leistungen der Schülerin für ihre berufliche Zukunft völlig irrelevant. Die Schülerin wird versetzt.

Als letztes wird über den Schüler Paul Panik gesprochen.

Die Kollegin D.Y. findet es merkwürdig, dass der Schüler immer so zufrieden, ja manchmal glücklich dreinschaue. Sie empfinde es als äußerst problematisch, dass sie bei diesem Schüler bisher noch keine Probleme habe entdecken können. Die Klassenkonferenz ist sich - bis auf die üblichen Ausnahmen - einig, dass es notwendig sei, die latenten Probleme dieses Schülers herauszufinden oder notfalls ihm welche zu schaffen, derer man sich dann hilfreich annehmen könne.

Inzwischen ist es 22.00 Uhr, und ein rotgesichtiger Kollege, der drei Stunden mit offenen Augen geschlafen hatte, murmelt was von „besaufen.“

Nun endlich beginnt der zweite Teil der Konferenz, der dem unendlichen Vorlesen von Zahlen gewidmet ist, um die verschiedenen Zensurenlisten miteinander in Übereinstimmung zu bringen. Dies ist eine wichtige Konzentrationsübung für das gestresste Kollegium – geht es doch darum, die Klassenlehrerin bei Übertragungsfehlern zu erwischen. Nach der zwanzigsten Korrektur bekommt diese einen Wutanfall und beschwert sich über die Sauklaue insbesondere der Deutsch unterrichtenden Kollegin. Alle beten aus verschiedenen Gründen inständig darum, dass möglichst nur die Zahlen „1 – 4“ genannt werden, denn jedes Mal, wenn die Zahl „5“ ertönt, meldet sich jemand von den notorischen MitleidsträgerInnen zu Wort und verlangt eine ausgiebige nicht etwa sachliche sondern moralische Begründung. Der sachorientierte Psychologe gefällt sich dann in zynischen Zwischenbemerkungen, während der/die betroffene Fachkollege/in krampfhaft versucht, dem Rechtfertigungsdruck standzuhalten und unter der Last der moralischen Verantwortung für die psychische Gesundheit der SchülerInnen nicht zusammenzubrechen. Durch die inquisitorische Härte der empathisch - verstehenden Weicheier erfolgt dann eine Korrektur auf  4-.

Um 23.00 Uhr ist auch diese Prozedur überstanden. Und nun folgt die von manchen gefürchtete und von anderen gewünschte Frage der Vorsitzenden: „Möchte noch jemand etwas sagen über Sozialverhalten, Motivation und Disziplin in der Klasse?“ Jetzt sind die üblichen Verdächtigen erst richtig in ihrem Element. Und da prallen aufeinander die Fraktionen der harten Hand, der Missionare, der Leistungsfixierten, der Sozial – und Psychotherapeuten, der Beziehungsblinden, der Harmoniesüchtigen.

Ich widerstehe an dieser Stelle der Versuchung, mit den ewig wiederkehrenden Details einer solchen Debatte weiteres Papier zu verschwenden. Je nach Persönlichkeitsstruktur wird diese leidvoll oder lustvoll erlebt, und ich möchte mich nicht mehr als nötig dem Verdacht tendenziöser Berichterstattung aussetzen. 



9. VON „ELEFANTEN UND KERZEN“



Seit einer Reihe von Jahren klingt immer mal wieder ein Begriff dissonant in meinen Ohren, der irgendetwas mit Ausbildung und Examen an Fachschulen für Sozialpädagogik zu tun haben soll: Vergleichbarkeit. Da es sich nicht um einen verbalen Irrläufer handelt, sondern unmittelbare Auswirkungen auf das Lernen und Lehren hat, werde ich in diesem Kapitel einige Gehirnzellen für die Analyse der Implikationen dieses (Un-)Wortes ver(sch)wenden.                   

Allgemein bekannt ist die geflügelte Weisheit, dass man „Elefanten und Kerzen“ nicht miteinander vergleichen kann. Also stelle ich zunächst klar, was ich als was bezeichne:

Elefant = handwerkliche Berufsausbildungen vom Chirurgen bis zum Maurer.
Kerze = sozialpädagogische Berufsausbildungen.

Wenn handwerklich ausgebildete Menschen beruflich etwas machen, dürfte das Ergebnis sehr ähnlich (vergleichbar) sein. Inkompetente Versager schließe ich hier ausdrücklich aus. Gilt das auch für sozialpädagogisch ausgebildete Menschen? Ich verneine dies! Allein zu glauben, dass die SchülerInnen an unserer ge- und beliebten FSP 2 eine vergleichbare Ausbildung machen, ist ein Irrtum. Und ich meine hier nicht die individuelle Wahl unterschiedlicher Kurse. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass die für alle geltenden Ausbildungspläne von den Lehrkräften sehr eigenwillig interpretiert werden; die Unterrichtsinhalte sind abhängig von deren Sachkompetenz, den inhaltlichen Steckenpferden und der ideologischen Ausrichtung. Und da liegen zwischen den KollegInnen Welten. Und weil erwiesenermaßen alle SchülerInnen gläubig an den Lippen der Lehrkräfte hängen, liegen also auch zwischen den Ausbildungen Welten.

Ich komme zu einem weiteren Aspekt:  Es ist evident, dass das Errichten einer Mauer und das Entfernen eines Blinddarmes nicht beeinflusst wird von politischen und religiösen Glaubensüberzeugungen oder den Erfahrungen einer schrecklichen Kindheit; ganz anders ist das beim professionellen Umgang mit kleinen, mittelgroßen und großen Menschen. Ich sage: Wer eine sozialpädagogische Ausbildung als Arschloch beginnt, beendet sie auch als solches. Oder positiv ausgedrückt: Eine noch so schlechte Ausbildung vermag eine reife und moralisch hochwertige Persönlichkeit nicht zu verderben. Während also alle „Elefanten“ gleiche Werke produzieren, ist die Arbeit von „Kerzen“ durch die gewachsenen Facetten der Persönlichkeit bestimmt und damit unvergleichbar. Sollte etwa die Ausbildung für die berufliche Qualifikation von nebensächlicher Bedeutung sein? Wenn eine gute Ausbildung einigen SchülerInnen dennoch wertvolle Denkanstöße geben sollte, werden diese gefiltert durch die schon vorhandenen Grundeinstellungen und Werthaltungen etc., fallen also auf einen schon vorhandenen mehr oder weniger fruchtbaren Boden. Fazit: Alle sozialpädagogischen SchülerInnen machen eine völlig verschiedene Ausbildung und üben ihren Beruf in einer ihrer Persönlichkeit entsprechenden Weise aus. Vergleichbarkeit ist ein Mythos! Auf diesem Hintergrund erweist sich jeder Versuch, bei Qualitätskontrolle und Leistungsbewertung Vergleichbarkeit herzustellen als Absurdität. Die sogenannten (und zweifellos zu Recht geforderten) „Schlüsselqualifikationen“ werden an den Fachschulen für Sozialpädagogik (noch?) nicht erworben und nicht überprüft.

Ich stelle mir verzweifelt die Frage, warum so viele offiziell intelligente Fachmenschen dem Phantom nachjagen, erstens Elefanten und Kerzen vergleichbar machen zu wollen und zweitens penetrant den Versuch unternehmen, alle Kerzen zu nivellieren. Nach einer Ewigkeit des Grübelns muss ich nun bekennen, dass meine intellektuelle Kapazität wohl nicht ausreicht, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Seit 35 Jahren erfreue ich mich an der bunten Vielfalt sozialpädagogischen Daseins in Ausbildung und Beruf und hoffe, dass die strukturell bedingt durchgerutschten Luschen der Selektion am Arbeitsmarkt zum Opfer fallen. Vielleicht gibt es aber auch KollegInnen, denen ihre relative Bedeutungslosigkeit - ihren Einfluss auf die berufliche Qualifikation betreffend - ein Dorn im Auge ist, und die deshalb in dem (fruchtlosen) Vergleichbarkeitsgetue ersatzweise etwas Sinnstiftendes finden möchten. Für mich gilt: Die Verantwortung für die vergleichbare Qualifizierung von (oft in lebenswichtigen Bereichen tätigen) Elefanten würde schwer auf mir lasten; stattdessen freue ich mich in Gelassenheit, wenn sich von vielen verschiedenen Kerzen die eine oder andere an mir entzündet und dann in eigener Verantwortung weiterbrennt.




 10. FRÜHER WAR ALLES SCHLECHTER

 (Meine Abschiedsrede in den Ruhestand)


Wer wie ich dem Ruhestand ins Antlitz schaut, hat sich das Recht, über früher zu reden, schwer erarbeitet. In der normalen Senilitätsentwicklung – auch euphemistisch Altersweisheit genannt – fällt der Vergleich von früher und heute zugunsten der Vergangenheit aus. Meinen senilen Zustand möchte ich jedoch eher als Altersstarrsinn bezeichnen und deshalb das folgende Kapitel meiner literarischen Begleitung der FSP 2 der entgegengesetzten These widmen.

Die Erkenntnis, dass früher alles schlechter war, soll die KollegInnen, die nicht das Unglück der frühen Geburt erleiden mussten, fröhlich stimmen. Es begann damit, dass ich 1974 durch Hörensagen davon Wind bekam, dass das alte Altonaer Krankenhaus ausgezogen und stattdessen eine sogenannte „Fachschule für Sozialpädagogik“ eingezogen war. Da ich noch keine Vorstellung davon hatte, womit ich meine Brötchen verdienen könnte, ging ich einfach mal spontan vorbei und fragte den damaligen Schulleiter Wolfgang J., ob er mich brauchen könnte, ich hätte gerade mein Diplom als Psychologe in der Tasche. Seine Frage, ob ich unterrichten könne, verneinte ich, worauf er meinte: „Das macht nichts, das lernen Sie hier. Wenn Sie morgen die Bewerbung losschicken, können Sie nach den Sommerferien anfangen.“ Das war im Juni. Also fing ich im August an, voll mit Wissen und Tatendrang und völlig ahnungslos. Eine solche Scheiße könnte heute niemandem mehr passieren, weil entweder Arbeitslosigkeit oder ein Referendariat ausreichend Zeit zur Vorbereitung bieten würde.

Neben dem Stress, mich als Nichtschwimmer im tiefen Becken über Wasser halten zu müssen, kamen noch weitere Qualen hinzu: Es gab in regelmäßigen Abständen sogenannte Fachgruppensitzungen, in denen sogenannte Fachleute – also Fachidioten – sich inhaltlich auf höchstem Niveau die Köpfe heiß redeten, um berufsrelevante Inhalte zu ent-wickeln. Das waren für mein überstrapaziertes Anfängergehirn unzu-mutbare Anstrengungen; da lobe ich mir doch den Berufsschulall-rounder, der von allen Fächern Ahnung hat und deshalb kein fachidiotisches Gehirn einseitig überbelasten muss. Auf diese Berufsgruppe hat die vom eingeengten Horizont der Spezialisten versaute Fachschule jahrzehntelang gewartet; hochflexible Menschen, die überall eingesetzt werden können. Diese Fähigkeit der sozialpädagogischen Mobilität und Globalität geht den diplomierten Fachhornochsen doch völlig ab. Im Interesse der Ausbildung begrüße ich als Auslaufmodell diesen Fortschritt.

Ich erinnere mich an eine weitere schreckliche Tatsache: Wir hatten damals keinen Lehrplan, und als wir einen hatten, war er doch eher als unverbindliche Anregung zu verstehen. Wir durften – nein: wir mussten tun was wir wollten; eine Art geistiger Libertinage, die uns die ständige Qual der eigenverantwortlichen Entscheidung aufzwang.

Wie gut sieht es in dieser Hinsicht doch heute aus; wir haben klare Vorgaben, die kompetente Menschen für uns erdacht haben. Wer sich daran hält, muss keine Angst vor inhaltlichen Fehlentscheidungen haben. Die Spitze des diesbezüglichen Fortschritts liegt in der Einführung zentraler Examensaufgaben. Früher mussten wir als kleine Rädchen im sozialpädagogischen Getriebe uns alles selber ausdenken. Da war doch der Gefahr der Irrelevanz und des Betruges Tür und Tor geöffnet. Erst heute können wir sicher sein, dass nur das auf hohem Niveau geprüft wird, was für den Beruf von Bedeutung ist.

Mein Vergleich von früher und heute führt zu einer weiteren erschreckenden Erkenntnis: Damals haben wir einfach nur unser Bestes gegeben, ohne eine Ahnung zu haben von der inhaltlichen und methodischen Güte unserer Arbeit. Uns fehlten dafür schlicht die Worte. Seit einigen Jahren gibt es nun endlich  Qualitätsmanagement, Qualitätsentwicklung, Qualitätsleitbild und prozessbegleitende Evaluation, die dem Niveau unserer alltäglichen Plackerei einen würdigen begrifflichen Rahmen verleihen. Die Zyniker, die einen Zusammenhang zwischen Inkompetenz und verbaler Aufrüstung sehen wollen, sind mir fremd und zuwider. Wer sich mit der permanenten Evaluation implementierter Module als Relevanzkriterium für kompetentes Qualitätsmanagement beschäftigt, kann nicht blöd sein. Früher gab es solche Sätze nicht nur nicht, wir hätten sie auch gar nicht verstanden. Heute gehören Gott sei Dank solche und beliebig ähnliche Formulierungen zum selbstverständlichen Handwerkszeug meines beruflichen Alltags; ich bin stolz darauf.  Wenn wir früher im Unterricht ohne dieses Handwerkszeug nur unser Bestes gegeben haben und dieses der Schülerschaft nicht ausreichte, wurden wir verbal ausgepeitscht. Das hat sich nun glücklicherweise im Laufe der Jahre so entwickelt, dass ich mir nicht mehr intellektuell den Arsch aufreißen muss, um den Ansprüchen der heutigen Schülerschaft zu genügen.

Sehr zu schätzen weiß ich auch, dass es seit Jahren an der FSP 2 eine Fülle von Baustellen gibt, die alle Entwicklungsoptionen permanent offen lassen. Fertige Gebäude waren für uns damals Voraussetzungen sich einrichten zu können. Heute weiß ich es besser: Sie zementieren auf unabsehbare Zeit einen Status quo; den dann wieder zu ändern, würde eine unverantwortliche Ressourcenverschleuderung bedeuten; eine grausame Vorstellung.

Meine Beweisführung, dass früher alles schlechter war, möchte ich mit einem völlig anderen Aspekt fortsetzen: Viele Jahre lag die Klassenfrequenz im 1. Semester bei durchschnittlich 20-22, die sich dann bis zum Examen auf 15-18 reduzierte. Da wir das als eine arbeitsfähige Gruppe ansahen, waren natürlich methodische Fortschritte blockiert; wir konnten gar nicht auf den Gedanken kommen, eine Großgruppe von 32 in 8 Kleingruppen aufzuteilen, und diese dann ein Semester lang sich mit einem Projekt beschäftigen zu lassen. Und noch weiter gedacht: Da inhaltlich niveauvolle Angebote durch die Lehrkraft bei einer Großgruppe ins Leere laufen, konnte und musste das selbstgesteuerte Lernen erfunden werden. Das bedeutet natürlich keine intellektuelle Entlastung der Lehrkraft, denn schließlich muss diese die Ergebnisse ja doch auf das berufsrelevante Niveau liften. Es kann nur produziert werden was die Gehirne zulassen. Auf jeden Fall sind die Vorteile der geistigen Eigen – und Gruppeninitiative auf emotionaler und sozialer Ebene nicht hoch genug einzuschätzen. Die ästhetische und medientechnische Brillanz der Präsentationen sollte die inhaltlichen Ansprüche in den Hintergrund treten lassen, um Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.

Ein weiterer Punkt zur Schülerschaft: Viele Jahre schmorten die   FS-Auszubildenden ausschließlich in ihrem eigenen Saft, von der Bereicherung durch andere Ausbildungsgänge wurde nicht einmal geträumt. Außerdem kamen die FS–SchülerInnen aus allen möglichen anderen Berufen und mussten sich erst mühselig an die sozial-pädagogische Kultur im Allgemeinen und die FSP 2-Kultur im Besonderen gewöhnen. Kaum war diese kulturelle Assimilierung bruchstückhaft geglückt, stand auch schon das Examen vor der Tür. Wir schickten damals quasi sozialpädagogische Fragmente ins Berufsleben. Und dann kamen sie endlich: die SW-ler (später SD-ler) und die SPA-ler, die sich zwei oder vier Jahre eingewöhnen konnten und die FS-Ausbildung in einem Zustand des Nicht-mehr-erschüttert-werden-Könnens begannen. Außerdem bot die FS-Ausbildung für diese jungen Menschen inhaltlich einen hohen Wiedererkennungswert. Viele liefen am Ende mit einem Gesichtsausdruck herum, der folgendes ausdrückte: „Dieses Gehirn formten sieben Jahre FSP 2-Sozialisation.“

Der Vorteil für uns Lehrkräfte soll auch nicht unerwähnt bleiben; wir haben manche SchülerInnen so lange und intensiv begleitet, dass wir sie besser kannten als unsere eigenen Kinder; da konnte sich Intimität entwickeln. Früher fielen wir vom Schock des ersten Eindrucks übergangslos in den Trennungsschmerz.

Einen weiteren beschissenen früheren Zustand will ich nicht in den Mantel des Schweigens hüllen: Manche beschreiben die Organisationsstrukturen vergangener Zeiten als nachvollziehbar, transparent, eindeutig, verlässlich, zweckmäßig und wirtschaftlich. Welch eine fatale Fehleinschätzung; das ist Selbstbetrug und eine historische Lüge! Als Psychologe ist mir die Symptomatik von Zwangsstörungen bekannt. Als nichts anderes sind die früheren Strukturen zu bezeichnen. Sie dienten einem emotionalen Sicherheitsmanagement und sollten das innere Chaos beherrschbar machen. Wie befreiend ist doch die schon einige Jahre umfassende Gegenwart! Alles fließt, wir haben gelernt loszulassen. Unsere durch Vorhersehbarkeit zubetonierten Gehirne konnten wieder Flexibilität lernen, sowie Planungen auf das Hier und Jetzt zu beschränken und die Schlüsselqualifikation erwerben, sich ohne Zukunftsangst vom nächsten Tag überraschen zu lassen. 

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bescheiden wie ich bin glaube ich, dass es mir perfekt gelungen ist, die schrecklichen Zustände der FSP2-Antike und die rosigen der Neuzeit realistisch zu beschreiben. Damit habe ich mein Hauptanliegen erreicht: Euch alle glücklich zu machen- die Einen, weil sie jetzt wissen, aus welchem Schlamassel sie etwa seit der Jahrtausendwende raus sind, die Anderen, weil sie jetzt wissen, welchen Schlamassel sie nie erleben mussten.  




11. DAS KLEINE EREIGNIS AM RANDE



Im Verlaufe jahrzehntelanger Schufterei gab es natürlich nicht nur die in diesem Buch beschriebenen großen und weltbewegenden Ereignisse, sondern auch die kleinen Begebenheiten, die die Arbeit so liebens- und lebenswert machen. Eine kleine Auswahl ist mir im Gedächtnis haften geblieben, was auf ihre Besonderheit schließen lässt. Wahrscheinlich sind diese Erlebnisse nur für meine eigene Vergangenheitsbewältigung relevant, aber falls auch andere Menschen das Beschriebene mit irgendwelchen Gefühlen zur Kenntnis nehmen, wäre dieses Papier nicht vergeblich beschrieben worden.

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Für mich sehr erfreulich, aber für viele SchülerInnen bedauerlich, habe ich fast nie gefehlt. Dieses Bedauern drückte eine Schülerin mal mit den Worten aus: „Du bist nie krank - nie fällt Dein Unterricht aus.“ Auf die Frage, ob sie mir das denn wünsche, gab sie folgende kluge und diplomatische Antwort: „Ich wünsche Dir nichts Schlechtes aber uns was Gutes.“

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Meine Abschlussklasse des Jahres 2000 muss ein merkwürdiges und verzerrtes Bild meiner Männlichkeit gehabt haben. Bei der internen Abschlussfeier wurde ich mit verbundenen Augen auf einen Stuhl gesetzt, Musik ertönte, die Augenbinde wurde entfernt, und ich konnte eine bildschöne Frau in Polizeiuniform genießen, die sich (als professionelle Stripperin) in hinreißender Weise vor mir auszog. Selbst-verständlich konnte ich die in der Klasse vorhandene Restunsicherheit, ob sie mit diesem „Geschenk“ zu weit gegangen waren, zerstreuen.

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Anlässlich einer üblichen Klausurvorbesprechung in einem 6. Semester war mir nach der Zigarettenpause aufgefallen, dass mein schon vorbereitetes Klausurexemplar aus der Tasche genommen und wieder hineingelegt worden war. Ich schwieg und änderte die Klausurfragen. Natürlich konnte sich niemand aus der Klasse beschweren, aber ich genoss die entsetzten Blicke, das Getuschel und die unterdrückten Flüche. Und - da dies einige Wochen vorher kurz angesprochen worden war - hatte ich als Überraschungsfrage hinzugefügt: Was ist ein offenes Geheimnis? „Seltsamerweise“ wurde diese Frage als einzige von allen korrekt beantwortet. Eine Antwort, die mir besonders gut gefallen hatte, kann ich noch zitieren: „Ein offenes Geheimnis ist, wenn alle etwas wissen und wissen, dass dies alle wissen, aber keiner das wissen darf, und deswegen keiner was sagt.“ Bei der Examensfeier bekam ich eine rote Rose und in einem Umschlag das seinerzeit kopierte Exemplar der ursprünglichen Klausur mit dem Kommentar: „Damit Du Dir nicht schon wieder was Neues ausdenken musst.“

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Insbesondere bei der Bewertung der mündlichen Leistung wird man ja fast immer von den ungerecht behandelten SchülerInnen nach oben korrigiert. Einmal aber teilte ich einer Schülerin meine Einschätzung als 2-  mit, worauf sie mir heftig widersprach und meinte, diese Beurteilung sei ungerecht („wie üblich“ - dachte ich). Und dann: „Im Vergleich zu einigen Anderen und überhaupt habe ich höchstens eine 4 verdient.“ Ob ihre Intervention Ausdruck psychischer Störung oder erwachsener Reife war, konnte ich nie klären.

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Irgendwann in den 70/80er Jahren gab es eine Zeit der „Strick-Manie“. Ich liebte dieses leise Klappern der Stricknadeln, wenn ca. 70% der Klasse dieser Tätigkeit im Unterricht nachgingen. Es war so entspannend und manchmal auch belustigend, wenn eine Schülerin bei abrupter Wortmeldung die Maschen verlor. Die selbstunsicheren Nörgler im Kollegium fühlten sich durch diesen „Ausdruck des Desinteresses“ beleidigt, ich aber nutzte die Gelegenheit und verführte zwei Schülerinnen dazu, mir einen Pullover zu stricken. Von diesen beiden wusste ich wenigstens, dass sie im Unterricht etwas Sinnvolles taten. Sie bekamen dann auch im Fach Psychologie eine „1“.

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Zu meinem Leidwesen musste ich auch immer mal wieder in einer sog. SW- (später SD-) Klasse unterrichten. Die versuchen bei uns, den Realschulabschluss hinzukriegen und sind für mich eigentlich die typischen Vertreter der Jugend-Bildungskatastrophe. Ohne Abfälligkeit: Das isso! Außerdem sind diese Klassen dafür bekannt, dass sie fast ununterbrochen einen gesundheitsschädlichen Lärmpegel halten können. Ich bin in ein berüchtigtes 2. Semester eingestiegen. Nun ist es nicht meine Art, eine Klasse durch Tonfall und/oder Wortwahl zu bändigen  um arbeiten zu können; d.h. ich hielt solange die Klappe bis Ruhe eingetreten war. Manchmal konnte ich zwischendurch mal einen halben Satz loswerden bis ich wieder abbrach. Das ging 90 Minuten so. Am Schluss sagte ich: „Irgendwie finde ich es geil, dass ich mein Geld auch ohne Arbeit bekomme. Ich freue mich, dass ihr mir das so großzügig gönnt.“ Eine Woche später betrat ich die Klasse, ich spürte eine mir unheimliche Ruhe; dann meldete sich die Klassensprecherin zu Wort und meinte: „Wir gönnen dir deine Faulheit nicht, heute wollen wir was lernen.“ Ab diesem Tag konnten wir uns die meiste Zeit ohne Störung verständigen.

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Das folgende „kleine Ereignis“ hätte vielleicht ein eigenes Kapitel verdient, da es eigentlich ganz viele Einzelereignisse sind. Diese kann man aber zusammenfassen unter dem Titel: Was alles so während einer Unterrichtsstunde passiert. Mit den aufgeführten Verhaltensweisen üben die Schüler/innen die wichtigsten Schlüsselqualifikationen für den Beruf: Kreativität und selbstbestimmte Entscheidungsfähigkeit; Grund genug, diesen Verhaltensweisen im Unterricht ausreichend Raum zu geben.

Essen
Trinken
Auf ´s Klo gehen
SMS senden und empfangen
Beim Klingeln des Handys raus rennen
Zeichnerische Kunstwerke anfertigen
Zeitung lesen
Konversation mit den Nachbarn
Zielübungen mit Abfall in Richtung Papierkorb
Schlafen
Fenster öffnen
Fenster schließen
Am Klassen-PC im Internet surfen
Sich auf die Klausur in einem anderen Fach vorbereiten
Wegen einer Zigarettenpause quengeln
Fragen, ob ich heute eher Schluss machen könnte
Sich beschweren, weil ich Kopien nicht gelocht habe
Fragen, ob wir im Park Unterricht machen könnten
Mit dem Stuhl kippeln und umfallen
Einen Hustenanfall kriegen
Einen Lachanfall kriegen
Panikattacken, wenn eine Wespe im Raum ist
Sich schminken
Sich gegenseitig Zöpfe flechten
Kreuzworträtsel lösen
Mit mp3-Playern herumspielen und Musik hören
Fragen, ob ich wiederholen könnte, was ich gerade gesagt habe
Schreibgerät runterfallen lassen
Papier runterfallen lassen
Mit dem Fuß nach Runtergefallenem angeln
Fragen, ob ich meine Tafelschrift übersetzen könnte
Fragen, ob man mitschreiben muss
Im Rucksack herum suchen
Zettel schreiben und an Mitschüler weitergeben lassen
Aus dem Fenster gucken und das Wetter kommentieren
Sich lautstark über die Lautstärke in der Klasse beschweren
15 Minuten vor Unterrichtsschluss demonstrativ packen
Jammern, man könne sich nicht mehr konzentrieren
Glasig gucken und bei jedem meiner Sätze mit dem Kopf nicken
Den Nachbarn Fotos zeigen
Mir Süßigkeiten anbieten





12. MOMENTAUFNAHMEN


Beim Aufräumen meines Kellers viel mir kürzlich ein verdreckter und speckiger Schuhkarton in die Hände mit der Aufschrift „FSP 2“. Ich möchte nicht genau beschreiben, was ich darin so alles gefunden habe - das wäre mir zu peinlich; aber einige Fotos sind mir in die Hände gefallen, an deren Entstehungshintergrund ich mich (am liebsten) gar nicht oder nur vage erinnere. Und natürlich möchte ich meine lieben Kolleginnen und Kollegen teilhaben lassen an den Dramen, die sich um diese Fotos herum ranken.                                               



                                                                              

Dieses arme Kind hatte gerade erfahren, dass seine Mutter die Ausbildung zur Erzieherin an der FSP 2 macht. Die Haltung ist eindeutig: „Ich will mit Dir nichts mehr zu tun haben!“ Der Kleine befindet sich verständlicherweise auf der Flucht, da er ahnt, welche pädagogischen Tricks an ihm ausprobiert werden sollen. Außerdem ist seine Mutter - wie alle Mütter, die etwas auf sich halten - allein erziehend. Sie muss sich also keine Sorgen machen, dass irgendein Macho in ihrer Erziehung rumpfuscht. Das Kind sieht die Sache natürlich anders und macht dies in einer ansatzweisen l-m-a-A - Haltung deutlich. Das „Wohlbehütetsein“ ist notgedrungen auf Eigeninitiative zurückzuführen. In der Körperhaltung kommt ein starkes Selbstwertgefühl, verbunden mit Eigenwilligkeit und Durch-setzungsvermögen zum Ausdruck. Dieses Kind demonstriert geradezu beispielhaft, was unter Resilienz zu verstehen ist: Trotz seiner (noch halb-) gebildeten Mutter strotzt dieses Kind vor Widerstandsfähigkeit. Eine Schadenersatzklage gegen die FSP ist nicht zu erwarten.




Das vorliegende Foto zeigt eine voll ausgebildete Erzieherin, die zurzeit zwar nicht arbeits- aber obdachlos ist. Sie hat immer alle ihre Siebensachen dabei. Zum hier festgehaltenen Zeitpunkt lässt sie die Kinder ihrer Gruppe das unbeliebte aber pädagogisch wertvolle Freispiel praktizieren. Die armen Kinder müssen sich mit eigenständigen Entscheidungen herumquälen, während die Erzieherin den Eindruck gelangweilten Nichtstuns erweckt. Das ist aber mitnichten so. Das Nasebohren soll von der wichtigen Tätigkeit des intensiven Beobachtens ablenken, damit die Kinder nicht ständig fragen: „Was machst du da?“ Es bohren ja viele Menschen im Zustand höchster Konzentration in der Nase. Es kann aber auch sein, dass diese Erzieherin sich nach der Zeit ihrer Ausbildung an der FSP zurücksehnt, weil sie dort immerhin ein Dach über dem Kopf hatte. Unbewusst erinnert sie sich dabei an „bohrende“ Fragen der Lehrkräfte und an das fröhliche Dünnbrett-„bohren“. Sie weiß heute: Diese drei Jahre waren die schönsten - weil leichtesten - Jahre ihres Lebens; erschöpft vom Beobachten sitzt sie da und beugt dem Burn-out-Syndrom vor. Soviel (Selbst-)Verantwortung vermittelt die FSP.




Ich kann mich an die Entstehung dieses Fotos absolut nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass es einen Zusammenhang mit der FSP 2 hat. Deshalb werde ich eine Reihe gleichwertiger Hypothesen aufstellen - die richtige ist sicher dabei.

1. Dieser Affe wird für Tierexperimente vorgehalten, um pädagogisch-psychologische Hypothesen zu verifizieren; Versuche an Kindern verbieten sich (leider) aus wirtschaftlichen Gründen.
2. Dies ist kein Affe, sondern ein verkleidetes Kind, das im Rollenspiel „Stubenarrest als Erziehungsmaßnahme“ durchspielt.
3.  Bei ganz genauer Betrachtung kann es sich auch um einen jungen Kollegen handeln, der schon nach wenigen Wochen vor Gehetztsein  hechelt, sich eingesperrt fühlt und verzweifelt schreit: „Ich will hier raus!“
4. Wahrscheinlich ist es aber eine junge Schülerin am Tag der ersten Begrüßung, die sich verspätet hat und - weil sie die FSP 2 noch nicht  kennt - schreit: „Ich will hier rein!“
5. Eine weitere begründete Vermutung ist, dass dieses Bild wegen seines Symbolcharakters aufgenommen wurde, macht es doch eindringlich die Not von Erzieherinnen deutlich: Ausweglosigkeit, das Gefangensein (in was auch immer), der hilflos-kindliche (weil zwecklose) Protest durch Zungerausstrecken, der hoffnungslose Blick in die Zukunft, das verzweifelte Anklammern an (schmerzhaft) Vertrautes.





Dieses Foto ist vor nicht allzu langer Zeit in irgendwelchen Sommerferien entstanden. Liebe Kolleginnen und Kollegen, um Eure entsetzte und vorwurfsvolle Frage gleich zu beantworten: NEIN, ich wollte nicht helfen! Ich saß mit einem riesigen Teleobjektiv bewaffnet in einem Gebüsch und erkannte in der abgebildeten Frau eine unserer außerschulischen Obrigkeitinnen. Ich erinnerte mich an immer wiederkehrende Albträume: Nach Abgabe von Prüfungsaufgaben für das Examen musste ich haufenweise Verschlimmbesserungen bis zur Unkenntlichkeit einbauen. Besonders hektisch wurde die Mail-Korrespondenz, als es um eine Kommasetzung ging. Ich konnte nicht klar machen, dass das besagte Komma keine grammatikalische, sondern eine inhaltliche Bedeutung hatte. Schließlich wurde das Thema im Fach Musik eingereicht. Soviel zu meinen Träumen. Ich wartete im Gebüsch noch eine Weile, weil ich mir nicht entgehen lassen wollte, was passieren würde. Doch als das (Un-) Heil ganz langsam seinen Lauf nahm, erfassten mich unbekannte Skrupel, und ich schlich mich unauffällig davon. Nach einiger Zeit hörte ich in der Ferne ein leises und ganz langsam lauter werdendes Tatütata.





Es ist leider nicht genau zu erkennen, ob dieses Foto eine Schülerin/einen Schüler oder eine Kollegin/einen Kollegen (oder wen auch sonst) abbildet. Außerdem ist mir leider der Zusammenhang entfallen. Deshalb werde ich einige fundierte Spekulationen anstellen:

1.  Auaaaaaaaa!!!
2.  Reaktion auf den Psychologie-Unterricht des Fotografen.
3.  Aufschrei eines Kollegen während einer Konferenz.
4.  Eine Schülerin erhält 4 Wochen nach Semesterbeginn den siebten
     Stundenplan.
5.  Ein Schüler bekommt die Note für mündliche Leistungen.
6.  Hunger! Schrei eines Kollegen 5 Min. vor der Konferenzpause.
7.  Reaktion der Schulsekretärin, als sie von der SL die Anweisung
     bekommt, für den Unterrichtseinsatz der KollegInnen einen extra
     angeschafften Zufallsgenerator zu verwenden.



















Ich habe den selbstmörderischen Mut, die Geschichte dieser heiklen Fotos zu veröffentlichen. Ich traute meinen Augen nicht, als ich während des Unterrichts aus dem Fenster sah (die SchülerInnen lernten gerade selbstgesteuert): Alle SchülerInnen einer Klasse hielten sich nackt im Park auf; mittendrin ein für seine sexualpädagogischen Eskapaden berüchtigter Kollege. Da dieser Vorgang auch anderen FachkollegInnen nicht verborgen geblieben war, wurde besagter Pädagoge gezwungen, auf einer extra einberufenen Fachgruppenkonferenz eine Erklärung abzugeben. Hier seine Argumente:
1. Es war so furchtbar heiß.
2. Die SchülerInnen wollten sich von der Zwangsjacke spießbürgerlicher
    Normen befreien.
3. Plädoyer für eine Kultur der Schamlosigkeit an der FSP 2.
4. Antithese zur These „Kleider machen Leute“.
5. Solidarität mit der Wahrheit, die bekanntlich auch immer nackt ist.
6. Konfrontationstherapie gegen Hemmungen als Vorbereitung auf
    Kinderfragen im Sommer: „Warum ziehst du dich nicht aus?“

            - Der Kollege erhielt stürmisch-fachlichen Beifall -